"The Sacrifice" ("Das Opfer") reißt das Publikum im Burgtheater zu frenetischem Applaus hin. Schon im Vorjahr war die Choreografin Dada Masilo mit ihrer Company The Dance Factory beim Impulstanz-Festival zu Gast. Die Tänzerin Dada Masilo war nicht zu sehen, wegen einer Verletzung, musste ihre Solorolle neu besetzt werden. Das hat auch die Kompagnie irritiert, waren doch auch viele geplante Auftritte dem Virus zum Opfer gefallen, das Impulstanz-Festival konnte sich dadurch rühmen, in Wien die Uraufführung zu zeigen.

Dieses Jahr ist alles anders. Masilo ist als Solistin dabei, tanzt die junge Frau, die zum Opfer ausgewählt wird. Das exzellente Team, Tänzerinnen, Tänzer, drei Musiker und die Sängerin Ann Masina, ist konzentriert und mit Elan dabei.

Feier und Trauer

Die ersten Minuten gehören ganz Masilo. Allein auf der Bühne zeigt sie, wie anmutig und zugleich kräftig ihr Tanz ist. Bald gesellt sich die grandiose Sängerin Ann Masina dazu. Schon 2017 hat sie im Rahmen von Impulstanz in William Kentridge Oper "Refuse the Hour" überzeugt. Damals hatte auch die Tänzerin und Choreografin Dada Masilo ihren ersten Auftritt in Wien. Mit Masina sind auch die drei Musiker, Tiale Makhene, Leroy Mapholo und Nathi Shongwe (Keyboard, Geige, Rhythmusinstrumente und auch eine Maultrommel) auf der Bühne. Alle vier spielen und singen die von ihnen komponierte Musik live im Einklang mit dem Tanz der Gruppe. Mehr als das, die Tänzerinnen beziehen sie mit Blicken ins Geschehen ein, befehlen einen anderen Takt, sie wollen lieber elegant als schnell tanzen.

Der Abend besteht aus zwei Teilen, im ersten wird gemeinsam gefeiert, danach allein getrauert. Anfangs tanzt eine verschworene Gemeinschaft, niemand tanzt aus der Reihe, als ein Körper wird ein Ritual vollzogen, ekstatisch und wild. Masilo hat dafür mit dem Ensemble den ausdrucksstarken Tswanadans aus Botswana einstudiert. Angetrieben von den auf der Trommel gespielten komplexen Rhythmen, den rauen Scratches auf der Violine und dem Gesang, klopfen die Tänzerinnen und Tänzer mit repetitiven harten Schritten den Boden, ordnen sich zu geraden Linien und Diagonalen. Dieser rasende Tanz, der jede Sekunde ins Chaos kippen kann, erinnert an die Inspirationsquelle für Masilos Kreation: Die Musik zu "Le sacre du printemps" von Igor Strawinsky.

In The Dance Factory wird weniger mit den Füßen und dem Unterkörper als mit den Armen, den Schultern und Hüften gearbeitet. Die Arme zerteilen schwingend die Luft, lassen niemanden heran, die Schultern kreisen, dann auch die Hüften, der Oberkörper ist flexibel, das Rückgrat scheint weich, Kreuz und Brustkorb biegen sich durch, konvex und konkav. Masilo ist die Meisterin ihrer Techniken, sie hat nicht nur in Johannesburg, auch in Brüssel bei P.A.R.T.S studiert.

Wunderschön und tieftraurig

Das Ritual steuert dem Ende zu, schon haben die Frauen den Platz verlassen, die Gemeinschaft driftet auseinander. Jeder ist nur noch für sich, tanzt als Solist. Ein Opfer ist unabwendbar, die Männer küren die Kandidatin. Sie weigert sich und wird sich doch der Regel unterwerfen. Angst und Grauen werden in einem Solo weggetanzt. Masina singt ein Klagelied, das bald zum Requiem wird. Wunderschön und tieftraurig. Die Gemeinschaft kommt, wie das Opfer im weißen Gewand mit nacktem Oberkörper, zusammen, um zu trauern. Die letzten Trommeltöne, verklingen, das Licht wird gelöscht. Einsetzendes Jubelgekreisch stoppt mögliche Ergriffenheit.