Als Giacomo Puccini 1918 seinen dreiteiligen Opernabend "Il trittico" herausbrachte, musste er eigentlich Profi genug sein für eine Befürchtung: Dass die Welt seine drei Einakter nicht für alle Zeit im gewünschten Gesamtpaket spielen würde. Tatsächlich nutzen die Opernhäuser "Il trittico" heute eher als Steinbruch, aus dem sie sich das eine oder andere Werk herausklopfen – meist den "Gianni Schicchi", beizeiten "Il tabarro". Die letzte Gesamtaufführung liegt hierzulande ein Weilchen zurück, fand 2012 statt, im Rahmen einer Meisterregie von Damiano Michieletto im Theater an der Wien.

Ein Erblasser lässt die Erben erblassen

Zehn Jahre später gehen nun die Salzburger Festspiele aufs "Trittico"-Ganze. Eigentlich seltsam: Ausgerechnet die Mozartstadt, eher nicht Puccini-affin, auf den Spuren des Italieners? Es wirkt, als würde die Regie von Christof Loy diesen Umstand berücksichtigen und "Il trittico" darum möglichst selbsterklärend in Szene setzen. Wobei: Eine Eigenwilligkeit gönnt sich Loy doch. Statt Puccinis Abfolge einzuhalten und mit "Schicchi" zu schließen, stellt er die Komödie an den Beginn und zeigt am Ende die tränentreibende "Suor Angelica": eine zwiespältige Entscheidung.

Ansonsten erzählt Loy die drei Einakter aber weitgehend so, wie sie im Libretto-Büchlein stehen, und konzentriert sich auf seine Spezialität – eine punktgenaue, psychologische Personenführung. Vorhang auf also für "Gianni Schicchi", die bitterböse Erbschleicherkomödie: Das Totenbett des Buoso Donati prangt in der Mitte der Großen-Festspielhaus-Bühne (Étienne Pluss), die Verwandtschaft weint an der rechten Zimmerwand Krokodilstränen. Bald schon werden sich diese Schluchzer wesentlich echter anhören: Diese Oper handelt bekanntlich von einem Erblasser, der seine Erben erblassen lässt. Buoso hat seine gesamte Habe an die Kirche übertragen – die Trauergemeinde erfährt das, weil sie in einem pietätlosen Akt das Mobilar – wir scheinen uns in den 1950er Jahren zu befinden – nach dem Papier durchkämmt hat. Nun ist guter Rat teuer. Der gewitzte Gianni Schicchi wird ihn liefern, lässt sich seine Dienste als Geisterautor eines neuen Testaments, unkenntlich verkleidet auf dem Totenbett diktiert, letztlich aber mehr kosten, als sich dies die liebe Familie erhofft hat.

In Salzburg lebt dieser Einakter einerseits von der Schwarm-Turbulenz der Hinterbliebenen: Die gruppieren sich bald zur stöhnenden Menschentraube, umgarnen bald ihren Retter Schicchi, unterbreiten ihm am Totenbett erotische Angebote. Andererseits spielt hier auch die Titelfigur groß auf: Misha Kiria, vom Scheitel bis zur Sohle eine kernige Saftgestalt, dominiert die Bühne mit der Autorität des Machers und beherrscht auch den Luftraum mit einem donnernden, doch kultivierten Bariton.

Dass dieser "Schicchi" Musiktheater erster Güte beschert, verdankt sich aber freilich auch dem Orchestergraben: Franz Welser-Möst und die Wiener Philharmoniker arbeiten trotz hoher Tempi detailsinnig und drahtig und bringen die Vorzüge dieser Musik effektvoll zur Geltung. Erstaunlich: Diese Puccini-Partitur illustriert Gags ähnlich plastisch und beschwingt wie die Filmmusiken der frühen "Bugs Bunny"-Cartoons.

Und Asmik Grigorian? Natürlich: Die Litauerin, für alle drei Opern gebucht, ist an sich der Star des Abends, fällt anfangs aber nicht weiter auf. Zum einen, weil die Partie der Lauretta im "Schicchi" eher ein Röllchen ist als eine Rolle; zum anderen, weil Grigorian nicht warm wird mit der Parade-Arie "O mio babbino caro". Kein Wunder: Ihre Domäne ist nicht der schimmernde, süffige Schönklang, sondern der lodernde Spitzenton einer mythischen Salome außer Rand und Band.

Solche Klänge kann Grigorian eher als gramgebeugte Gattin in "Il tabarro" ausschütten – einem düsteren Thriller, in dem erst ein Schicksalsschlag ein armes Pariser Schifferpärchen auseinandertreibt, später eine Affäre der Frau. Grigorians Stimme steuert hier ebenso in emotional raue See wie der Bariton ihres Gegenübers (Roman Burdenko), dessen grobes Poltern von seelischen Wunden gespeist scheint. Auch hier stülpt die Regie der Handlung kein fremdes Mäntelchen über, hält die Haupt- und Nebenfiguren gemäß deren Neigungen in Bewegung. Viel Betrieb also zwischen einem stilisierten Kahn und einer Couch, reichlich Facetten auch im Orchesterspiel: Welser-Möst kostet Puccinis impressionistische Farbenspiele aus, hält die Musik unter Strom und bahnt Höhepunkte penibel an – was letztlich dann auch für die "Suor Angelica" gilt, diesen Einakter zwischen ätherischen Nonnenchören und wuchtigen Lamenti.

Je später der Abend, desto intensiver Asmik Grigorian

Gut, hier melkt die Regie etwas penetrant die Tränendrüse. Die Protagonistin – wegen eines unehelichen Sohns ins Kloster gesteckt –, erfährt letztendlich vom Tod ihres Buben, schluckt Gift, will ihm durch Selbstmord entgegengehen. Loy schickt an dieser Stelle einen Knaben auf die Bühne, lässt ihn die Sterbende herzen: Das ist schon etwas dick aufgetragen. Dafür erreicht Grigorian hier – nicht zuletzt im Zank mit der gefühlskalten Tante (Karita Mattila) – den Zenit ihrer vokalen Inbrunst und zertrümmert damit das Vorurteil von der angeblich schnarchigen "Suor Angelica". Schlussendlich also ein Abend der steigenden Intensität, gefolgt von einhelligem Beifall – auch wenn "Gianni Schicchi", als brillantes Schlusslicht gereicht, den Jubel wohl noch um einige Dezibel gesteigert hätte.