Warum nur, um alles in der Welt, "Kaiserin Joséphine"? In der Sommerarena Baden? So insgesamt und überhaupt?

Und dann stellen sich Werk und Aufführung als Sommeroperettensensation heraus. Auf nach Baden, das darf man sich nicht entgehen lassen!

Emmerich Kálmán, Kompositionsklassenkollege von Béla Bartók und Zoltán Kodály, verbucht zweieinhalb Erfolgswerke: "Die Csárdásfürstin" (1915) und "Gräfin Mariza" (1924) halten sich konstant, das halbe ist die "Zirkusprinzessin" (1926). Nachher sei Kálmán ausgeschrieben gewesen, heißt es. "Kaiserin Joséphine" stammt aus dem Jahr 1936. Es folgten nur noch "Marinka" und "Arizona Lady". 

Da ist Skepsis angebracht. Naturgemäß. Es kann in der Musikgeschichte unglücklich zugehen und ein Komponist völlig zu Unrecht der Vergessenheit anheimfallen. Wenn aber ein Werk eines bekannten Komponisten de facto ungespielt ist, hat das in der Regel gute Gründe. Giuseppe Verdis "Il corsaro" ist nun einmal kein "Rigoletto", oder, um bei der Operette zu bleiben, Franz Lehárs "Frasquita" ist kein "Land des Lächelns". Muss man also das sommerlich vergnügte Badener Publikum, so quasi zwischen Strand und Hugo, mit einer verblühten Operette konfrontieren?

Operette in voller Blütenpracht

Und ob! - Denn "Kaiserin Joséphine" ist keineswegs verblüht. Im Gegenteil!

"Kaiserin Joséphine" ist Kálmáns letzte Operette vor seiner Emigration. Beim Komponieren hatte er wohl den Glanz der großen österreichischen und deutschen Operettenaufführungen im Sinn mit ihren großen Opernstimmen und prachtvollen Bühnenausstattungen. Doch die Umtriebe der Nationalsozialisten waren bereits zu stark. Weder wagte sich eine deutsche noch eine österreichische Bühne an das Werk, das auch der Wiener Staatsoper gut zu Gesicht gestanden wäre.

Die Uraufführung am Züricher Stadttheater 1936 verpuffte folgenlos. Intendant Michael Lakner holte das Werk zuerst zum Bad Ischler Lehár-Festival, dann stellte er es 2018 an der Bühne Baden konzertant zur Diskussion. Die jetzige szenische Aufführung sollte der "Kaiserin Joséphine" den Weg zurück auf die Bühnen ebnen. Baden zeigt in einer brillanten Produktion ein Meisterwerk.

Die Handlung ist im Prinzip simpel: Der verarmte Offizier Napoleon Bonaparte verliebt sich in die ebenfalls verarmte Joséphine de Beauharnais, die als eine der schönsten Frauen von Paris gilt. Sie heiraten. Doch als er den Feldzug in Italien führt, beginnt sie ein Verhältnis mit Hippolyte Charles. Sie kehrt zum siegreichen Napoleon zurück, der schließlich sie und sich zum Kaiser krönt.

Moderne Rhythmen im Premier Empire. 
- © Christian Husar

Moderne Rhythmen im Premier Empire.

- © Christian Husar

Vielleicht ist es ein Problem, dass die Librettisten Paul Knepler und Géza Herczeg den Stoff völlig ohne ironische Brechung behandeln. (Welch kluger Schachzug der Bühne Baden, Ralph Benatzkys ironiepralle nur sechs jahre ältere Operette "Im Weißen Rößl" in derselben Sommersaison gegenüberzustellen!) Es ist eine im Grund altmodische Operettenkonstellation: Dem quasi hohen Liebespaar Joséphine und Napoleon steht das verliebte Buffo-Paar gegenüber: Juliette, die Zofe Joséphines, und Napoleons Korporal Bernard. Zur Operettenkonvention passt auch die Wahrsagerin, die Joséphine prophezeiht, sie werde Königin werden.

Doch ganz so einfach ist es nicht. Denn Knepler und Herczeg erzählen die Handlung ohne herkömmliche Kontinuität in acht in sich geschlossenen Bildern, zwischen denen erhebliche Zeitsprünge liegen. Vieles wird gesagt statt gezeigt, die Fantasie des Zuschauers muss mitspielen.

Raffinierte Musik

Kálmán schreibt in den Nummern von Joséphine und Napoleon Opernmusik: Da klingt nicht nur Giacomo Puccini auf, sondern auch Erich Wolfgang Korngold. Die melodischen Wendungen meiden das allzu Ohrenfällige, der Zuhörer behält es im Ohr, kann es aber nicht so recht nachsingen. Das ist in diesem Fall kein Manko, sondern ein Vorteil, denn solche Unbequemlichkeiten halten die Aufmerksamkeit wach.

Doch trotz allem bleibt Kálmán der Ungar. Wo liegt Paris? - Am Balaton! Und wenn die musikalische Geographie so eigenwillig ist, dann darf auch die zeitliche Einordnung Kapriolen schlagen und der feinen Pariser Gesellschaft des Premier Empire einen Foxtrot verordnen und der Klangfarbe Saxophon und Banjo. Also doch etwas Augenzwinkern, zumindest in der Musik? - Wirkungsvoll diese absichtlichen Anachronismen jedenfalls. Und wie!

Die Harmonik dieser Musik ist voller raffinierter Schattierungen, die Instrumentierung luxuriös, kann aber in den Militärszenen auch grelle Härten zeigen und ist dann knapp daran, in Gustav Mahler'scher Manier die Stereotype durch Übersteigerungen zu brechen.

Franz Josef Breznik, der Dirigent der Aufführung, versteht das mit dem glänzend disponierten Orchester vorzüglich durchzuführen, wie er auch mit vollem, warmen Klang die Singstimmen trägt.

Makellose Produktion

Weshalb dieses herrliche Stück dermaßen untergegangen ist, könnte an der Hauptrolle liegen: Die ist nämlich keineswegs titelgerecht Joséphine, sondern Napoleon mit einer nahezu unsingbar schweren und langen Tenorrolle. Star der Badener Aufführung ist dementsprechend Vincent Schirrmacher, der den mörderischen Part mit leuchtender Stimme ausstattet. Es ist schier unfassbar, wie er bruchlos von tiefen zu hohen Lagen wechselt und strahlende Spitzentöne klingen lässt.

Das Buffopaar hat die flottesten Nummern: Theresa Grabner und Thomas Malik. 
- © Christian Husar

Das Buffopaar hat die flottesten Nummern: Theresa Grabner und Thomas Malik.

- © Christian Husar

Auch in der Rolle der Josephine leistet sich Baden wahren Luxus: Ivana Zdravkova gelingt es, die eminent unsympathische Rolle strahlen zu lassen, nicht nur mit ihrem Sopran, sondern auch mit einer starken Bühnenpräsenz.

Glänzend ist das Buffopaar Theresa Grabner (Juliette) und Thomas Malik (Korporal Bernard), starke ERindrücke hinterlassen Rita Peterl (Wahrsagerin), Thomas Zisterer (Hippolyte) und Steven Scheschareg (General Berthier) und der von Andjelko Igrec makellos einstudierte Chor.

Jeder kann ein Opfer werden

Die Inszenierung ist dabei eine Sache für sich: Erich Uiberlacker stattet die Bühne karg aus, ihm genügen einige wenige aussagekräftige Requisiten, um Zeit und Ort zu charakterisieren. Mareile von Stritzky schwelgt in Kostüm- und Haartracht (allein die Bärte!) bei denen sie sich die Karikaturen der Napoleon-Zeit zum Vorbild nimmt. Welch glänzende Idee!

Regisseur (und Choreograf) Leonard Prinsloo scheint es auf einen ersten Blick konservativ anzugehen mit einem feinen Beziehungsspiel der Protagonisten und viel Detailfreude bis in den Chor. Aber dann, beim Feldzug in Italien, werden Gewehre und eine Kanone direkt auf das Publikum gerichtet. Da stockt der Atem. Die Operettigkeit verfliegt. Prinsloo bedarf keiner plakativen Aktualisierung, um zu zeigen: Der Krieg holt sich seine Opfer auch unter den Unbeteiligten. Ein ungeheuer starker Moment, der einen nicht mehr loslässt und diese fulminante Aufführung zu einer wesentlichen macht.

Ovationen am Schluss - und viele unbesetzte Plätze im Publikum. Sie sollten sich in den kommenden Aufführungen füllen. Werk und Aufführung sind eine Sensation!