Eine Wiederaufnahme bei den Salzburger Festspielen muss nicht unbedingt ein Déjà-vu bedeuten - das weiß man spätestens, seit Claus Guth in den Zehnerjahren seine Da-Ponte-Trilogie über mehrere Sommer vervollkommnet hat. Eine ähnliche Gelegenheit hat nun Lydia Steier genutzt: 2018 hatte die US-Amerikanerin im Großen Festspielhaus ihren Blick auf die "Zauberflöte" präsentiert und gemischte Reaktionen geerntet; nun kehrt der Abend rundum erneuert zurück und besticht durch Stringenz.

Daran hatte es 2018 gehapert, lautete der damalige Befund. Steier siedelte den Mozartklassiker in einem großbürgerlichen Haus knapp vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs an: Ein Großvater erzählt seinen Enkeln am Bett die "Zauberflöte", die Gutenacht-Lektüre beginnt in den Bubenköpfen Gestalt anzunehmen: Schwups, schon verwandeln sich die Jungspunde in die drei Knaben der Oper, und in dem Bürgerhaus purzeln Märchenfiguren und Bühnenrealität durcheinander. Die Mama verwandelt sich in die Königin der Nacht, die Stubenmädchen mutieren zu Drachentöterinnen mit Schießgewehr und der Sohn des Fleischermeisters zum fröhlichen Vogelfänger. Für das Auge ein fantastisches Gemisch aus Märchenwelt und Wien um 1900 (Bühne: Katharina Schlipf); und dank Opas Worten ein Abend ohne die ranzigen Sprechdialoge Schikaneders.

Dennoch machte der Abend 2018 einen unausgegorenen Eindruck, denn er dockte noch an eine weitere Themenwelt an: Steier verwandelte Sarastro, den Weisheitspriester dieses Zauberreichs, in einen Zirkusdirektor mit Artistengefolge. Gut - das warf hübsche Schauwerte ab und half, die Bühnenweiten des Großen Festspielhauses zu füllen. Der Abend, so das seinerzeitige Verdikt, wirkte dennoch überladen mit seinen Artisten, Tieren und Attraktionen.

Jetzt ist Steiers "Zauberflöte" im kleineren Haus für Mozart eingekehrt und hat die Zirkusrequisiten nicht mitgebracht. Das ist klug, denn dadurch rückt ein starker Gegensatz ins Zentrum: Die kindliche Heiterkeit des ersten Akts - mit tapsigen Teddybärli bis hin zu tanzenden Pailletten-Damen - trifft auf ein Pandämonium der Kriegsschrecken. Letztere treten vor allem im zweiten Teil zu Tage und gehen, wie der Erzähler berichtet, auf das Betreiben Sarastros zurück. Der ist nun nicht mehr Zirkusmann, sondern im Wien der 1910er Jahre Leiter eines zwielichtigen, grauen Herrenclubs, dessen Mitglieder mit Melone, Schnauzer, Zigarre und apodiktischen Moralvorstellungen ausgestattet sind.

Musikalisch lässt der Abend Wünsche offen. Zwar begeistert Regula Mühlemann als silberstimmige Pamina, kitzelt Michael Nagl als leutseliger Papageno die Lachmuskeln und erfreut ein kristallklares Damen- sowie ein quirliges Knaben-Terzett. Dagegen fehlt dem klangschönen Mauro Peter (Tamino) die letzte tenorale Sicherheit, Brenda Rae (Königin der Nacht) die Fulminanz und Peter Tantsits (Monostatos) Klangfülle. Und die Wiener Philharmoniker? Steuern unter Joana Mallwitz einen flaumigen, aparten Klangteppich bei. Wermutstropfen: Dass sie bisweilen von den Worten des mikrofonierten Opas (Roland Koch) übertönt werden. Aber gut: Das ließe sich vielleicht in einem weiteren Folgejahr dieser "Zauberflöte" optimieren.