Zwei Jahre stand der Ring - coronabedingt - in den Startlöchern. Jetzt nun der Vorabend. Eigentlich für den "Tristan" angeheuert, musste Cornelius Meister für Pietari Inkinen in diesem Jahr übernehmen. Dass er in Stuttgart mitten in seinem eigenen "Ring" steckt, hat seinem Hügeldebüt nicht geschadet. Das war souverän, die Dosierung und das Zusammenspiel mit den Sängern funktionierten jedenfalls. Das Publikum honorierte das einhellig.

Bei den Protagonisten lieferte Okka von der Damerau eine referenzverdächtige Erda, Christa Meyer eine eloquente Fricka. Egilis Silinš’ (Einspringer-)Wotan hat das Clananführerformat, das er braucht, auch stimmlich. Bei den Nibelungen überzeugt Olafur Sigurdarson als eigenwilliger Alberich. Auch wenn nicht nur pures Stimmgold glänzte: Alles in allem schlägt sich das Ensemble gut - das Publikum dosierte seinen Beifall mit Gespür für das Besondere!

Die Buhs, die es neben viel Bravo am Ende gab, können so nur dem Regieteam gegolten haben, das sich ja erst nach der "Götterdämmerung" dem Publikum stellt. Bis dahin bleibt es spannend.

Mindestens so, wie Valentin Schwarz und seinem Team jetzt ihr Auftakt gelungen ist. Es fehlte zwar viel, was eigentlich ins "Rheingold" gehört - vor allem fehlte der Ring selbst. Dafür gab es aber jede Menge von Personal und Anspielungen, die es bislang dort noch nicht zu sehen gab. Schwarz hatte im Vorfeld angekündigt, dass der "Ring" für ihn eine Art Gesellschaftsroman oder eine Netflix-Serie ist, mit der eine Familiengeschichte erzählt wird.

Alles beginnt im Mutterleib

Wenn aber die ins Große zielende Geschichte, mit der sich jede Art von Kapitalismus- und Gesellschaftskritik betreiben lässt, heuer auf eine Familiengeschichte heruntergebrochen wird, dann beginnt das Ganze - durchaus nachvollziehbar - nicht auf dem Grund des Rheins, sondern im Mutterleib. Im Video (Luis August Krawen) zum leise beginnenden und dann flott eskalierenden Vorspiel zeichnen sich im Fruchtwasser erst zwei Nabelschnüre und dann zwei Embryos ab. Schon die kämpfen miteinander. Da der eine das andere ins Auge trifft, darf man davon ausgehen, dass es sich hier um die beiden Hauptkontrahenten Wotan und Alberich handelt. Wenn das Spiel beginnt, ist der eine Clanchef im Luxus. Jeans und Lederjacke zum ergrauten Haar bei dem anderen lassen auf einen eher weniger erfolgreichen Lebensweg schließen.

Jedenfalls haben sie drei Kindermädchen, die am Pool auf ein paar Mädels und einen Buben aufpassen sollen, kein Problem, es dem leicht übergriffigen Typen handfest heimzuzahlen. Toll, wie beweglich Sigurdarson den Grapscher spielt, noch besser, wie die jungen Frauen damit umgehen und ihn am Ende als begossenen Pudel dastehen lassen.

Alberich grapscht hier aber nicht nach Gold, sondern erkennt, dass der Goldjunge (der spielt seine Rolle wirklich goldig) die Zukunft ist. Er ist der personifizierte Ring. Jeder will das, was er bedeutet. Die Zukunft! Schwarz gelingt hier tatsächlich eine spannende szenische Dialektik. Nibelheim ist eine helle Kita-Box mit jungen blonden Mädels (in Walkürenzahl!), die mit kleinen Pferdchen spielen. Und denen unser Goldjunge (schon ganz im Hagenformat) übel mitspielt und wie im vorigen Jahr noch Hermann Nitsch bei der halbkonzertanten "Walküre" Farben an die Wand klatscht.

Dass Alberich für die Verwandlung in den Riesenwurm einfach nur den Goldjungen auf den Schultern nimmt, macht Sinn. Er bedroht seinen Kontrahenten Wotan mit der Zukunft. Im Ambiente der Villa des Wotanclans (Bühne: Andrea Cozzi) kann man sich gut über eine Art von vorausgreifender origineller Binnenlogik freuen. Und über kleine Witze. Der Goldjunge ist da zwar kaum zu toppen. Aber wenn der Großkotz Donner es plötzlich im Kreuz hat, wenn er mit dem Golfschläger zuschlagen will, muss man lachen. "Fortsetzung folgt": Das kann man zwar nirgends lesen - aber das ist die gute Nachricht!