Nachtschwarz die Bühne der Halleiner Perner-Insel. 15 Schauspielerinnen und Schauspieler entern die Finsternis, und auch in den folgenden 150 Minuten wird es kaum Lichtblicke geben. "Ingolstadt" nach Marieluise Fleißer versteht sich als Erkundung der lichtabgewandten Seite des Menschseins.

Bühnenbildner Jan Versweyveld hat eine eindrucksvolle Seenlandschaft entworfen: Die gesamte Bühne ist unter Wasser gesetzt, mit Inseln aus Stahlgitter - jeder Fehltritt ein Schritt ins Nass. Zu Beginn wird die Szenerie in schwarz-weißes Licht getaucht. Die Darsteller knien auf der Bühne, nur die Umrisse sind zu erkennen; lauthals leiern sie das katholische Glaubensbekenntnis herunter, lassen kein Wort und keine Silbe aus. Was für ein Auftakt! So effektvoll wie enigmatisch.

Einmal geht’s noch: Jan Bülow (M.) taucht unter. SF / Matthias Horn - © SF / Matthias Horn
Einmal geht’s noch: Jan Bülow (M.) taucht unter. SF / Matthias Horn - © SF / Matthias Horn

Zerrüttete Beziehungen

Für die Salzburger Festspiele hat Regisseur Ivo van Hove die beiden wohl bekanntesten Stücke der Schriftstellerin Marieluise Fleißer (1901-1974) zusammengefasst: Aus "Fegefeuer in Ingolstadt" (1926) und "Pioniere in Ingolstadt" (1929) wird "Ingolstadt". Die Inszenierung ist eine Koproduktion mit dem Burgtheater und wird auch die kommende Spielzeit eröffnen.

Dramaturg Koen Tachelet hat Fleißers Texte gekonnt miteinander verzahnt, die wichtigsten Szenen teils in Parallelhandlungen zusammengefügt. Auf den ersten Blick ist die Kombination sinnfällig - beide Stücke spielen am selben Ort, Fleißers Heimatstadt in Oberbayern; in beiden Texten geht es um das Aufbegehren der jungen Generation gegen die Autorität der Altvorderen, angeklagt wird Kirche und Patriarchat. Besonderes Augenmerk legte die Autorin, die zu den bedeutendsten Dramatikerinnen des 20. Jahrhunderts zählt, auf die zerrütteten Beziehungen zwischen Mann und Frau. Unaufhaltsam verlieben sich bei Fleißer die Falschen ineinander, beharrlich mündet die Suche nach Liebe im denkbar größten Leid.

"Fegefeuer in Ingolstadt" berichtet von Olgas (Marie-Luise Stockinger) ungewollter Schwangerschaft. Der Kindsvater lässt sie eiskalt sitzen. Tilman Tuppy tritt in Hallein als James-Dean-Lookalike in Lederjacke und Unterhemd auf, als Retter spielt sich der Außenseiter Roelle (herausragend: Jan Bülow) auf; Roelle, der an Schizophrenie leidet, versagt jedoch kläglich, Olga bleibt in ihrer Notlage mutterseelenallein. Die Szenen zwischen den Burgtheater-Nachwuchsstars gehören zu den darstellerischen Höhepunkten des Abends. Bülow und Stockinger in "Ingolstadt", das ist wie Feuer und Eis, ihnen glückt eine passgenaue Spielweise für den rauen Umgangston.

In "Pioniere in Ingolstadt" wiederum bringt ein Trupp junger Soldaten die Mädchen des Ortes um den Verstand. Bertas (Lilith Häßle) mädchenhafte Schwärmerei zerschellt buchstäblich am profilierten Womanizer Korl (Maximilian Pulst).

"Fegefeuer" ist eine archaische Parabel von einer viel zu jungen Mutter, die alleingelassen wird, "Pioniere" ist eine feinziselierte Beziehungsstudie, die Szene für Szene herausarbeitet, wie sich Gewalt in Beziehungen einschleicht. Tatsächlich sind beide Stücke sowohl sprachlich als auch atmosphärisch grundverschieden.

Im Lauf der Inszenierung wird genau das zu einem Problem: Regisseur van Hove muss viele Handlungsstränge und Beziehungsgeflechte in knappen Szenen unterbringen, was wiederum den Schauspielerinnen und Schauspielern wenig Zeit und Raum lässt, um die Konflikte darzulegen und auszuleben.

Offensichtlich geht es der Regie weniger um das Innenleben der Figuren als vielmehr um die eindrucksvolle Zurschaustellung schier unerträglicher Situationen. Besonders drastisch: Eine Waterboarding-Szene, bei der die Soldaten ihren Frust über die Schinderei des Feldwebels an einem Zivilisten auslassen, der Unglückliche wird wieder und wieder untergetaucht.

Gegen Ende der Inszenierung vergewaltigt Korl seine Beate im Wasser. Der Gewaltakt wird auf offener Bühne markiert, zu sehen ist eine wilde Rangelei zwischen der halb entblößten Lilith Häßle und Maximilian Pulst, bei der auch Pulst ordentlich Schläge kassiert.

Toxische Männlichkeit

Die vielen Kampfhandlungen im, am und unter Wasser sind imponierend und gekonnt inszeniert, aber zu inflationär eingesetzt. Jede und jeder muss hier mindestens einmal Wasser schlucken, keiner kommt trocken raus.

Van Hove tariert in "Ingolstadt" weder das beschädigte Innenleben seiner Protagonisten aus, noch gelingt dem Ensemble rundweg überzeugendes Körpertheater. Die chorischen Szenen wirken abgegriffen: Fast durchgehend wird dabei kräftig im Wasser gestampft, lauthals gebrüllt, dabei ist es schon egal, ob ein Vaterunser heruntergebetet oder ein deutsches Volkslied zum Besten gegeben wird. Grob und nass bleibt es immer.

Fleißers Thema, die Rohheit und Entfremdung zwischen den Geschlechtern, hat bedauerlicherweise wenig an Gültigkeit verloren. Leider bleibt Ivo van Hoves handwerklich gekonnte "Ingolstadt"-Inszenierung weitgehend den Klischees toxischer Männlichkeit verhaftet. Das ist keineswegs ohne Reiz, wird am Ende aber zu sehr ausgereizt.