Am heutigen Mittwoch im "Siegfried" wird er wieder singen. In der "Walküre" am Montag ging Tomasz Konieczny als Wotan unsanft mit einem defekten Eames-Designersessel zu Boden und fiel im dritten Aufzug aus. Michael Kupfer-Radetzky (Gunther in der "Götterdämmerung") übernahm und wurde gefeiert! Besonders für die mustergültige Wortverständlichkeit. Anders als bei Iréne Theorins Brünnhilde verstand man diesen Wotan Wort für Wort. Auch der erste Aufzug hielt einen echten Bayreuth-Moment bereit - dank Lise Davidsen (Sieglinde) und Klaus Florian Vogt (Siegmund) und Cornelius Meister, der seinen Bayreuther "Ring"-Modus jetzt wohl endgültig gefunden hat.

Szenisch hatte die "Walküre" verhalten begonnen, in einer Kellerbehausung von Hunding und der bereits hochschwangeren Sieglinde. Szenisch legt dieser Akt einen Gang zu, wenn die Winterstürme dem Wonnemond weichen. Da wird die Imagination der Erinnerung an die Kinder- und Jugendzeit von Siegmund und Sieglinde zum Raum. Plötzlich finden sich beide in den von oben einschwebenden noblen Kinder- und Jugendzimmern wieder, in denen sie offenbar ihre ersten Jahre gemeinsam verbracht haben und womöglich schon zum Liebespaar wurden. Das steht nicht so bei Wagner und ist auch im Rahmen dieser Inszenierung nicht sicher, wäre aber in der Logik dieser Regie plausibel.

Tomasz Konieczny (Wotan) und Iréne Theorin (Brünnhilde) bei den Bayreuther Festspielen. - © Enrico Nawrath
Tomasz Konieczny (Wotan) und Iréne Theorin (Brünnhilde) bei den Bayreuther Festspielen. - © Enrico Nawrath

Vergewaltigungsversuch?

Wobei diesmal sogar Wotan als Vater in Frage käme. Kurz vor Siegmunds Tod macht er sich an der Tochter so zu schaffen, dass man das als Vergewaltigungsversuche oder die Erinnerung daran deuten könnte. Wenn Brünnhilde auf der Flucht mit Sieglinde bei ihren Schwestern Schutz sucht, hat sie den kleinen Siegfried schon im Arm.

Der zweite Akt beginnt mit einem szenischen Clou: ein aufgebahrter Sarg. Wer den Freitod von Freia im "Rheingold" nicht mitbekommen hatte, wird durch das aufgestellte Foto aufgeklärt: Es ist Freia. Die Trauergemeinde hat Showformat: Die Frauen des Clans (Wotan hat ja genügend Nachkommen in die Welt gesetzt) nutzen den Termin vor allem dazu, um ihre Begleiter, Kinder und vor allem die neuesten Klamotten zu präsentieren. Für den Walkürenritt dann zieht Schwarz alle Parodie-Register. Da geht die Show der Damen im Beautysalon de luxe (mit Chirurgieabteilung) weiter. Der befindet sich im gleichen Bühnenbildmodul wie die Walküren-Kita im "Rheingold". Hier lassen sich alle renovieren. Stirn, Nase, Busen - was man halt so macht, wenn man nix anderes zu tun hat. Dazu wird die neueste Schuhmode durchprobiert, alles mit Selfies festgehalten und bei den männlichen, recht zarten dienstbaren Geistern zugelangt: MeToo verkehrt herum. Der ganze Ulk ist freilich vor allem eine Diagnose. Nur mit sich selbst beschäftigt, sind diese Frauen völlig unfähig zur Empathie mit Brünnhildes Rettungsambitionen. Grane hat mehr Mitgefühl in seiner Mähne als alle Walküren zusammen. Manche weisen Wotan den Weg zu der sich verbergenden Brünnhilde, andere wollen sofort die Stellung der Lieblingstochter einnehmen. Wotans halbes Dutzend Sicherheitsleute verscheuchen die Frauen mit gezogener Waffe.

Siegmund wird erschossen

Zum Schluss schaltet die Szene auf eindrucksvollen, ja berührenden Minimalismus um. Der Zwischenvorhang schließt sich, und wir erleben Wotan ganz allein und einsam, wörtlich am Boden zerstört sozusagen. Wenn Fricka am Ende nochmals auftaucht, mit ihm auf ihren Erfolg anstoßen will, wird der Feuerzauber von nur einer brennenden Kerze auf ihrem Barwagen vertreten. Aber Wotan stößt mit dieser Frau nicht an. Sie hatte ihn schließlich gezwungen, Siegmund - in dieser Inszenierung - zu erschießen. Sie mag mit ihren Argumenten recht gehabt haben, aber versteht nichts von dem, was Wotan bewegt. Er nimmt denn auch seinen (Wanderer-)Hut und geht langsam ab. Man ist gespannt, wohin ihn die nächste Folge des Opernzyklus führen wird. Cornelius Meister jedenfalls ist mit dieser "Walküre" vollständig angekommen. In einem "Ring", der bisher, bei aller mitunter überraschenden Sichtweisen, ohne viele der gewohnten Utensilien musikalisch leuchtet. Fortsetzung folgt.