Schön für die Sänger, wenn auf den Schlusston gleich Beifall folgt. Für die Regie war es am Freitag aber kein Kompliment. Eigentlich flimmerte noch einige Momente lang ein Kunstvideo auf der Bühne im Großen Festspielhaus, buhlte um stille Anteilnahme. Doch nichts da. Es war 22.30 Uhr und offenbar spät genug, um diese "Aida" publikumsseitig für beendet zu erklären.

Fünf Jahre ist es her, dass Shirin Neshat, Foto-, Videokünstlerin und Exil-Iranerin, in Salzburg erstmals eine Oper inszeniert hat. Nur leider, dieser "Aida" hat es augenscheinlich an handwerklichem Rüstzeug gefehlt. Gut: Neshat hat die Bühne des Großen Festspielhaus mit teils atmosphärischen Videos bespielt. Die Darsteller dieser "Aida" schienen jedoch Regie-verlassen und ergingen sich in altbackenen Opernposen – so lautete damals der Befund der Kritik.

Wandelnde Räucherkegel

Nun ist Neshats Regie in Salzburg zurück und macht nach einem umfangreichen Rebrush den Eindruck einer Qualitätsverbesserung. Dennoch: Eine packende Regie von Verdis altägyptischem Schlachten- und Liebesdrama sieht anders aus.

Die Kernbotschaft auf der düsteren Bühne bleibt die gleiche: Der Krieg ist ein Übel, und die Religion ist ihm ein treuer Begleiter. Die Kostüme (Tatyana van Walsum) versuchen, dies allgemeingültig zu vermitteln: Der kolossale, rotierende Kubus in der Bühnenmitte (Christian Schmidt) ist eine Art Behältnis für die Oberkaste einer kriegerischen Fusion-Religion, die sich zu gleichen Teilen aus griechischen Popen, russische Rasputins und muslimische Mützenträgern rekrutiert. Die Opfer ihrer Untaten sind vermummte Frauen, die nicht von Ungefähr an Iranerinnen denken lassen: Die starren (in Neshats Videos, manchmal auch auf der Bühne von Statistinnen gedoppelt) in Großaufnahme zu den Männern empor, besteigen ein wackeliges Flüchtlingsboot oder heben mit den Händen ein Grab aus. Beklemmende Bilder, umso eindringlicher in Zeiten eines nahen Krieges.

Der Abend birgt aber auch seine seltsamen Seiten. Warum entblößen die äthiopischen Kriegsgefangenen im zweiten Akt ihre nackten Rücken und die darauf gemalten, arabischen Schriftzeichen (die hier niemand lesen kann)? Warum werden diese Häftlinge flugs niedergesäbelt? Wieso widerfährt das auch gleich ihrem König Amonasro, der zu Beginn des Nil-Akts aber offenbar wieder pumperlgesund ist? Und was hat es mit jenen vermummten Gestalten auf sich, die wie wandelnde Räucherkegel anzusehen sind?

Um ein Wort aus der Kunstwelt zu bemühen: Wie Neshat Verdis Ägypten-Oper mit einer heutigen Religionskritik koppelt, das ist schon eine kraftvolle Intervention. Eine Meistererzählung ist es jedoch nicht geworden. Das hat auch mit der Personenführung zu tun. Die erzählt zwar diesmal schlaglichtartig vom Seelenleben der Figuren, lässt den Feldherrn Radames im Moment des Triumphs seltsam kriegstraumatisiert wirken. Spätestens im dritten Akt geht der Bewegungsregie aber die Luft aus: Die Sänger arbeiten sich ab da stehend, sitzend oder kniend dem Schlussapplaus entgegen.

Musikalisch rangiert diese "Aida" in der Mittelliga. Gut: Mit Piotr Beczała wird (nach der Premiere mit Anna Netrebko) nun ein anderer Weltstar seinem Rang gerecht. Fulminant, wie dieser Radames nach fahrigem Beginn seine Stimmbänder immer wieder unter Hochdruck setzt und diese Spannung in präzisen Spitzentönen kulminieren lässt. Bemerkenswert auch Ève-Maud Hubeaux: Für die erkrankte Anita Ratschwelischwili eingesprungen, setzt diese Amneris mit ihren leidenschaftlichen Attacken Glanzlichter der Intensität, ohne den Versuchungen des Forcierens anheimzufallen. Herzhafte Haudegen-Klänge kommen von Erwin Schrott (Ramfis) und Luca Salsi (Amonasro), während sich die Aida eher mittelprächtig schlägt: Elena Stikhina bewältigt die Notenfülle ihrer Partie weitgehend mit Akkuratesse, verfügt aber nur in hoher Lage über Prägnanz.

Und im Orchestergraben? Ist Alain Altinoglu eine Art Klangmassenverwalter, der die Wiener Philharmoniker und die Staatsopernchoristen passabel zusammenhält. In Summe verantwortet er aber ein klobiges Klangbild, das mangels markanter Ecken und Kanten oft ebensowenig die Spannung hebt wie die kunstsinnige Vagheit der Inszenierung. Schlussendlich einige Buhrufe für die Regie, die postwendend von eilfertigem Jubelgeschrei überlagert werden.