Der in Berlin lebende thailändische Medienkünstler und Choreograf Choy Ka Fais verbindet in seiner vielschichtigen Voguing-Performance "Yishun is burning" zwei der "großen Mütter" des asiatischen Volksglaubens - Kali, die hinduistische Göttin des Todes und der Erneuerung, und Guan-yin, die zwischen den Geschlechtern wechselnde buddhistische Bodhisattva des Mitgefühls - mit den legendären "House Mothers" der frühen queeren Ballroom- und Voguing-Szene im New York der späten Achtzigerjahre, denen Jennie Livingston mit "Paris is Burning" (1990) ein filmisches Monument setzte.

Eine weitere Referenz liefert eine der schamanischen "Mütter" von heute, deren Wirken in Yishun, dem wilden, unberechenbaren Stadtteil des sonst "cleanen" autoritären Stadtstaates Singapur, Ka Fai im Rahmen seines kulturanthropologischen Projekts "Cosmic Wander" begleitet hat.

Spirituelle Praktiken

Während im leuchtenden Oktogon auf weißem Tanzboden Sun Phitthaya Phaefuang, "Trailblazer" der jungen thailändischen Voguing-Szene, in zwischen Ritual, Trance und Drag changierende Tänze eintaucht, verschränkt Ka Fai Aurora Suns stetig ekstatischer werdende Bewegungen mit einem Livestream aus Singapur, wo in einem leeren Theatersaal die Gruppe Nada (Rizman Putra: Stimme und Safuan Johari: Electronics, begleitet von Cheryl Ong an historischen asiatischen Trommeln) den auf traditionellen malaiischen Melodien aufbauenden vibrierenden Sound liefert.

Parallel dazu laufen auf einer weiteren Leinwand Ausschnitte aus Ka Fais dokumentarischer Filmarbeit über heutige spirituelle Praktiken in Asien. Auf einer dritten Leinwand erscheint schließlich Kali als wild tanzende, 3D-animierte sechsarmig-langzungige blaue Gottheit. Mehr und mehr beginnen sich die unterschiedlichen Stränge inhaltlich wie medial zu überlagern und eröffnen hybride Denkräume von pulsierender Dichte und inspirierender Visionskraft.

Ortswechsel ins Museum für angewandte Kunst (MAK). Fast genau ein Jahr nach der Uraufführung ihrer Gruppenperformance "Gootopia" im Tanzquartier präsentierte Doris Uhlich nun mit "GOO GOO MAK" im Rahmen der MAK Nite eine konzentrierte Museumsversion in der Eingangshalle des Wiener MAK. Im Zentrum steht die intime Begegnung zwischen nun nur noch einer Performerin und Schleim, jener undefinierbaren "Schmiere" ("goo"), aus der Leben entsteht, aus der wir kommen - und der wir mit den Jahren stetig mehr zu entkommen versuchen. Schleim als Ort des Wachstums und der steten Veränderung - und als jenes "Ding", dessen erratische Fluidität auch unberechenbare Ängste erzeugt.

In "GOO GOO MAK" lässt sich Ann Muller auf den Dialog mit Schleim in unterschiedlichen Konsistenzen und Erscheinungsformen ein. Zu Beginn trägt sie einen großen Batzen Schleim im Raum herum, streichelt ihn, liebkost ihn: Eine erste Begegnung, die berührt, ehe Muller aus dem zähen Schleim der Anfangssequenz einen Polster formt und ihren Kopf auf ihn legt. Es ist ein verletzlicher Moment, der bereits in den nächsten Abschnitten radikal gebrochen wird, etwa wenn die Tänzerin auf den Schleim schlägt, hart, hohl, wie auf einen Berg kalter, nass-steifer Wäsche, oder wenn sie ihr Gesicht in das wabernde harte Gelb stößt, die zähe Masse sprechen und stöhnen lässt und so Geräusche erzeugt, die an Meeresklänge erinnern.

In einer anderen Passage der vierstündigen Performance schluckt sie Schleimstreifen, die sie danach aus ihrem Mund hinausquellen und wieder in sich zurückschnellen lässt. In jenen Passagen, in denen Muller ohne Schleim agiert, wirkt sie noch verletzlicher, einsamer. In seinen je unterschiedlichen Erscheinungsformen wird "der" Schleim mal zum poetisch tänzerischen, dann wieder fast gewalttätigen Partner etwa, wenn die Performerin sich zitternd neben ihn auf den kalten Steinboden legt.

Uhlichs performative Studie über die faszinierende Bandbreite an Begegnungen zwischen Mensch und (teil-)autonomem Objekt liefert eindrückliche Bilder, die noch lange nachwirken.