Er war 2001 in Hamburg der erste deutschsprachige Simba in Disneys "König der Löwen". Seither ist Gino Emnes aus der deutschsprachigen Musicalwelt nicht mehr wegzudenken. In seiner bisherigen Laufbahn hat der Niederländer Judas in "Jesus Christ Superstar", Drag Queen Lola in "Kinky Boots", Boxweltmeister Apollo Creed in "Rocky" gespielt - und viele mehr. Nun feiert er als Aaron Burr in Hamburg deutschsprachige Weltpremiere mit dem Musical "Hamilton", das am Broadway und Westend mit Auszeichnungen geradezu überhäuft wurde.

"Wiener Zeitung": Was ist an "Hamilton" so anders als alles, was man bisher vom Musiktheater kennt ?

Gino Emnes: Oh, vieles! Die Stilistik der Show, Musik, die wir so im Musical bisher nicht kannten - mit Rap und Hip-Hop hatte ich persönlich noch nie etwas zu tun -, aber auch szenisch und das Casting betreffend.

Was sind da die größten Herausforderungen?

Es ist unfassbar viel Text. Ich hab noch nie in meinem ganzen Leben so viel Text lernen müssen. Da es noch dazu ein musikalischer Stil ist, den ich sonst nicht singe, ist es eine ganz andere Art von Lernen.

Wie lernt man, etwa bei Rap, die Betonung der Worte? Ist das mitnotiert?

Man lernt es erst einmal melodisch. Ein Satz muss funktionieren. Rap ist ja auch auf Musik geschrieben. Das hat man auch in anderen Musicals, dass man diese Töne zu Musik verbindet und dann im Probenprozess die Betonung erarbeitet.

Die Besetzung ist auffallend divers. Was hat es mit dem sogenannten "Colorblind Casting" auf sich, bei dem die Hautfarbe egal ist?

Ich würde einen anderen Begriff benutzen. Es ist ja kein Color-"Blind"-Casting, wir sehen ja alle unsere Hautfarben. Vielleicht könnte man es "Diverse Casting" nennen. Ich denke, die Leute sind sich nicht bewusst, wie unfassbar viel es wirklich bringt, weil Diversität ein Thema ist, worüber man sonst nicht oft spricht. Hier in der Besetzung haben wir viele Darsteller auf der Bühne, die nicht weiß sind, die einfach normale Leute spielen. Es geht unter anderem um Liebe, Tod, Verrat. Und man fühlt mit. Es ist wichtig, dass die Gesellschaft auch andere Hautfarben sieht, bewusst sieht, damit diese repräsentiert werden.

Bei den "Black Lives Matter"-Protesten wurden immer wieder Transparente mit Zitaten aus dem Stück hochgehalten - inwiefern steht "Hamilton" für diese Bewegung?

"Hamilton" ist ein sehr politisches Stück. Man kann sagen: "Ich geh heut’ ins Musical!" Aber unbewusst bekommt man so viele verschiedene Informationen mit, die man nicht sofort auf dem Schirm hat, wenn man rausgeht. Wenn man später darüber spricht, sagen viele, dass sie manches im Theater gar nicht bewusst wahrgenommen haben. Dieses Stück steht für so vieles, das nicht der Norm entspricht - "Black Lives Matter" genauso wie Frauenrechte beispielsweise.

Was entgegnen Sie Skeptikern, die meinen, ein Stück über einen bei uns bisher unbekannten amerikanischen Gründervater kann nicht funktionieren?

Die würde ich fragen, ob sie schon einmal in "Les Misérables" waren oder vielleicht auch in "Miss Saigon". Es gibt viele Musicals, die Geschichten erzählen, die nicht aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz kommen. Diese Stücke schauen sie sich auch an. Da hab ich noch nie diese Prämisse gehört. Für mich ist interessant zu erleben, dass das erst hochkommt, wenn wir einen sehr diversen Cast haben, der nicht der Norm entspricht. Das ist eine unbewusste Abwehr dagegen. Wenn wir "Elisabeth" in Deutschland spielen, sagt keiner: "Oh, das ist aber eine österreichische Geschichte!" Seit wann ist so etwas ein Thema?

Alexander Hamilton ist ein Vertreter des vielbeschworenen amerikanischen Traums - vom armen Waisenkind aus der Karibik zum Finanzminister der USA. Gibt es den amerikanischen Traum heute noch?

Alexander Hamilton steht zwar für Amerika, aber er erzählt eine menschliche Geschichte. Wir alle wollen uns weiterentwickeln. Es gibt zurzeit viele Menschen, die ein besseres Leben suchen, Flüchtlinge zum Beispiel, auch hier in Europa. Da geht es nicht nur um den "American" Dream, sondern den Aufstieg im Leben allgemein.

Eines der zentralen Motive der Geschichte ist es, dem Leben einen Sinn zu geben. Was wünschen Sie sich einmal als Ihr Vermächtnis? Was soll von Ihnen in Erinnerung bleiben?

Ich bin zurzeit ziemlich glücklich auf meinem Weg – was ich mache und wofür ich stehe. Ich möchte weiterhin Leuten helfen. Ich kämpfe dafür, dass jeder sein kann, wie er ist. Daran soll man sich erinnern.