Turan Ali bestellt sich eine Portion Earl Grey im Café Korb in der Wiener Innenstadt, "denn im Tiefsten bin ich ja doch Engländer, ich brauche das wirklich!", sagt er. Obwohl er eine österreichische Mutter hat, die aus Wiener Neustadt gebürtig ist, und einen türkischen Zyprioten als Vater. Die Eltern lernten sich in London kennen und blieben, Turan und seine älteren Brüder sind dort geboren und aufgewachsen, mit islamischem Vater, katholischer Mutter und auf einer jüdischen Schule. "Wir reden und leben wie Engländer", lacht er. "Aber wir haben kein einziges englisches Gen in uns."

Dabei war und ist ihm in England oft gar nicht zum Lachen, und seit dem Brexit noch weniger: "Jeden Tag, wenn ich dort neue Leute treffe, fragen die mich: Oh, Turan? Das ist aber ein interessanter Name, woher kommst du denn?" Die Antworten, die konservative, fremdenfeindliche Brexiteers dann von ihm zu hören kriegen, möchte man lieber nicht in der Zeitung lesen. Der offen schwul lebende Kämpfer für LGBTQ-Rechte hat nämlich ein loses Mundwerk, das er am liebesten auf der Bühne zum Einsatz bringt, bei Open-Mic- oder Storytelling-Veranstaltungen. Dort hat er die Lacher auf seiner Seite.

Kurse in "Seifenoper"

Denn Comedy ist sein Geschäft, oder besser: eines seiner vielen Talente, die er zu Geld macht. Zunächst studierte er aber Biologie an der University of Birmingham, danach Drama an der University of Central England. Der dortige Abschluss brachte ihn zum Commonwealth Institute in London, wo er drei Jahre lang "head of performing arts" war. 1990 wechselte er als Drama-Produzent und Regisseur zur guten alten BBC, dem Flaggschiff öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten.

Bis dahin waren BBC-Hörspiele überwiegend mit weißen Charakteren besetzt, erzählt er, man suchte also dringend jemanden, der multikulturelle Erfahrungen in gut erzählte Geschichten packen konnte. Für das Commonwealth Institute hatte Ali Theater- und Tanzgruppen aus dem gesamten Commonwealth nach Großbritannien gebracht, er kannte also genug Leute abseits der etablierten, weißen Mittelschicht, die mit ihm ihre Erfahrungen teilten.

"Die BBC sendet jeden Tag fünf Hörspiele, zwei Comedys und zwei Hörbuchserien, wofür zahlreiche Autoren Ideen liefern. Die besten kommen in die engere Auswahl, die allerbesten werden produziert." Bald schrieb Turan Ali das erste BBC-Hörspiel zum Thema AIDS und wurde Chairman der "BBC Lesbian und Gay staff group".

Ideen freilich sind das eine, sie packend zu erzählen, ist etwas anderes. "Eine gute Geschichte muss überzeugen", liefert er ein paar Einblicke in sein Handwerk, "sonst ist es keine gute Geschichte". Außerdem müsse jede gute Geschichte einen Charakter haben, der etwas verändert, "und zwar mit Überzeugung!" Und dann sollen die Zuhörer in den Figuren am besten noch etwas von sich selbst erkennen.

Neben seiner Tätigkeit für die BBC gibt er auch Kurse in Dramaturgie und Storytelling, dafür gründete er vor zwanzig Jahren seine eigene Firma. Seither schulte er Redakteure, Produzenten, Regisseure und Drehbuchautoren bei öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in 65 Ländern der Welt. Gerade in Ländern der Dritten Welt, erklärt er, sei das Radio oft die einzige Möglichkeit, Menschen in entfernten Regionen, die weder lesen noch schreiben können, über brisante Themen aufzuklären und zu informieren.

Wenn man dann nicht verstehe, wie eine gute Geschichte funktioniert, bekämen die Leute nur Information. "Der Mensch lernt aber nicht durch Informationen oder Lektionen, er lernt durch Geschichten und Emotionen." Vor allem seine Kurse in "Seifenoper" sind daher stark gebucht, denn über dieses Format käme man an große Bevölkerungsschichten heran und könne wichtige, oft lebenswichtige Themen wie HIV, Tuberkulose oder Verhütung unter das Volk bringen: "Wenn emotional packende Charaktere mit den gleichen Problemen konfrontiert sind wie die Menschen, die man erreichen möchte, finden diese im besten Falle Antworten auf ihre Fragen."

Alleine auf den Malediven war er dreimal und hat dort "praktisch alle Produzenten des Landes unterrichtet". Fünfmal war er in Südafrika, wo einer seiner Schüler Dramachef von SNBC wurde. Ein anderer schreibt Seifenopern in Sambia, und der bekannte Regisseur Socrate Safo, den er auch unterrichtete, gilt als "Tarantino von Ghana".

Aktivismus in London

Viele seiner Hörspiele, die er für die BBC produziert, sind queere Storys. "Auch die LGBTQ-Community wurde von der BBC lange vernachlässigt, aber in den letzten Jahren nimmt die Nachfrage nach solchen Stoffen zu", erzählt er.

Schon zu Beginn seiner Karriere engagierte sich Turan Ali aktiv in der sehr, sehr einfallsreichen "gay rights direct action group" OutRage!, nicht selten als queere Nonne Sister Ejaculata, so sein Alter Ego. 1990 war der schwule Schauspieler Michael Boothe in der Nähe einer öffentlichen Toilette in London zu Tode getreten worden, was zu zahlreichen Aktionen unter den Aktivisten führte: zu einer Kiss-in-Demonstration am Piccadilly Circus, zur Störung wichtiger kirchlicher Zeremonien oder einer versuchten "Bürgerverhaftung" des damaligen Präsidenten von Simbabwe, Robert Mugabe, der gerade zum Weihnachtsshopping in London war, während Schwulen in seinem Land zehn Jahre Gefängnis für "homosexuelle Handlungen" drohten.

Zur Comedy und zum Storytelling verschlug es Ali 2012, als er nach Amsterdam zog. Dort besuchte er bald regelmäßig ein kleines Theater, in dem zwei gebürtige Iraner zunächst einmal pro Monat ein Open Mic Storytelling veranstalteten. Nach fünf Jahren waren sie damit so erfolgreich, dass sie das Theater übernahmen. Die Idee des Storytellings nahm Ali aus Amsterdam mit nach Wien, wo er seit nunmehr vier Jahren lebt.

Über 600 Mitglieder

"Hier im Café Korb", erzählt er, "gab es bereits eine Storytelling-Gruppe für Englischsprachige, die aber nicht sehr gut organisiert war." Nach ein paar Monaten übernahm Ali zusammen mit drei weiteren Autoren die Abende und gründete das Vienna Storytelling Collective, das er heute alleine führt.

Bis zu 80 Besucher kommen regelmäßig in die überfüllte Art Lounge des Cafés, und das Collective hat über 600 Mitglieder mit verschiedensten kulturellen Hintergründen, denen er eine Möglichkeit geben möchte, bemerkenswerte Geschichten zu erzählen. "Storytelling wächst überall auf der Welt. In Amerika etwa gibt es The Moth, da werden im ganzen Land mit dem Erzählen wahrer Geschichten riesige Hallen gefüllt."

Zur Comedy und zum Storytelling verschlug es Ali 2012, als er nach Amsterdam zog. Jetzt ist er in Wien aktiv. 
- © Rebhandl

Zur Comedy und zum Storytelling verschlug es Ali 2012, als er nach Amsterdam zog. Jetzt ist er in Wien aktiv.

- © Rebhandl

Im Café Korb wählt das Publikum am Ende jeder Show das Thema für den nächsten Abend, und alle, die sich dann trauen, dürfen sich für eine Performance anmelden. Mittlerweile würden, so Ali, mindestens die Hälfte der Storys auf professionellem Niveau vorgetragen, "was natürlich besser ist für das Publikum" als das Herumgestotterte der Amateure. So gab es im Jahr 2020 diesen Klavierspieler, der einfach nicht singen konnte, sich aber trotzdem immer wieder für einen Auftritt meldete. Bis Turan Ali ihn zur Seite nahm und fragte, ob er absichtlich so falsch singe. Nachdem die Sache geklärt war ("Unabsichtlich!"), tauchte er nie wieder auf. Der irische Gitarrenspieler mit seinen witzigen Storys hingegen ist seither fixer Bestandteil des Collectives. Bewertet werden die fünf- bis achtminütigen Auftritte nicht, Applaus ist der einzige Lohn, der mal stärker, mal schwächer ausfallen kann.

Neben einer guten Geschichte werde beim Open Mic nämlich auch ein entsprechend guter Vortrag verlangt: "Die meisten Autoren können aber einfach nicht lesen!", beklagt er sich. Dies freilich könnte ihm eine weitere Einnahmequelle eröffnen: "Ein Workshop darüber, wie man seine Geschichten kraftvoll performt!", lacht er. Das tut er freilich bereits für die Vienna English Theatre Academy und das Scottish Storytelling Centre in Edinburgh.

Explizite Kostprobe

In den letzten Monaten, erzählt er, eröffneten zahlreiche englischsprachige Comedyclubs in Wien, das er als sehr internationale Stadt wahrnimmt. Er selbst hostet mit den "True Story Nights" eine weitere Veranstaltung, die wegen großen Erfolges nun in die Rote Bar des Volkstheaters übersiedelt. Dazu fliegt er alle acht Wochen ins schottische Edinburgh, wo er bei seinen "Queer Folks’ Tales" moderiert und performt.

Mit seiner One-Man-Show "Don’t Frighten the Straights", die 2019 im Vienna’s English Theatre uraufgeführt wurde, wechselte er danach zum berühmtesten Festival der Welt, dem "Edinburgh Fringe". London und Amsterdam waren weitere Stationen. Während die straighten Zuseher etwas geschockt waren, freuten sich die schwulen Männer, auf einer Bühne endlich einmal etwas über sich selbst zu hören. Manche meinten aber auch, er wäre nicht frech genug gewesen. "Du kannst es eben nicht jedem recht machen!", lacht er.

Seine neue Soloshow, mit der er nächstes Jahr beim "Fringe" auftreten wird, nennt er "An International Slut", und daraus gibt er im Café Korb schon einmal eine - sehr explizite - Kostprobe. Sie handelt von seinen (natürlich komischen!) sexuellen Abenteuern im muslimisch geprägten Malaysia und einem sehr mächtigen Gemächt. "Die Regierungen solcher Länder sagen ja immer, dass es schwule Männer nur im Westen gäbe", amüsiert er sich. "Dabei: In Kairo, in Dubai, in Bangladesch, in Pakistan, in der Türkei - überall war ich eingeladen bei angeblich heterosexuellen Männern, und überall hatte ich richtig viel Spaß mit ihnen!"

Denn am Ende ist es der Spaß, den er überall sucht und findet: bei der seriösen BBC, die er weiterhin mit Hörspielen und Storys versorgt, oder auf den Bühnen Europas, wo er aus seinem Leben als schwuler Engländer mit österreichisch-türkischen Wurzeln erzählt. Wer ihm dabei freilich nicht zuhören wird, das sind konservative Brexiteers, die ihn immer noch auf seinen Namen ansprechen. Dabei müssten auch sie sich Turan Ali längst merken!