Wien hat Stefan Herheim als Regisseur bisher gewissermaßen nur umkreist. In Graz, Salzburg und Linz war er regelmäßig Gast. In Wien kennt man einzig eine Volksopern-"Butterfly" aus 2004. Nun debütiert der gebürtige Norweger am 15. Oktober mit Leoš Jánačeks "Das schlaue Füchslein" als neuer Intendant des Theaters an der Wien am eigenen Haus. Einen vorgezogenen Auftakt gibt es bereits heute in der Kammeroper mit Francesca Caccinis "La Liberazione". Ein Gespräch über die Gefahr der Oper für sich selbst, die Liebe zum Handwerk und Kunst, die Halt geben will.

"Wiener Zeitung": Sie starten nicht nur als neuer Intendant des Theaters an der Wien, sondern auch an einem neuen Ort. Ist das ein Hemmschuh oder erleichtert das den Neubeginn?

Stefan Herheim: Ich betrachte das Ganze sehr positiv, denn es geht ja um den Erhalt und die Sicherung des ältesten und schönsten Opernhauses Wiens, worüber wir uns ungemein freuen! Dazu ist das Museumsquartier ein unglaublich spannender Ort. Nach 16 Jahren unter Roland Geyer stand mit meiner Berufung eine Neuaufstellung des Hauses eh an, die bestens mit der Herausforderung einhergeht, sich in einem Ausweichquartier neu zu erfinden.

Klingt, als würden Sie im Museumsquartier bleiben wollen?

(lacht) Schauen wir einmal. Wir sind erst seit ein paar Tagen so richtig hier angekommen und noch bei der technischen Einrichtung unserer ersten Produktion. Aber schon hierbei habe ich so viele Schmetterlinge im Bauch - das fühlt sich an wie frisch verliebt!

Die Halle E ist im Vergleich zum intimen Klangraum im Theater an der Wien akustisch nicht unproblematisch für Musiktheater ...

... hat sich aber gerade dafür gut bewährt - das haben wir uns auch bei den Produktionen der Festwochen genau angeschaut. Wir werden technisch nur das Nötigste einsetzen, um ein analoges Opernhaus zu bleiben.

Werden wir Oper also verstärkt hören?

Gerade damit niemand an der Akustik etwas auszusetzen hat, werden wir für ein in sich stimmiges und ausgeglichenes Hörerlebnis sorgen. Heute sollte sich niemand wundern, wenn die Oper alle ihr zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten für sich beansprucht, um authentisch zu wirken. Denn das tat sie immer.

Sie inszenieren die erste Premiere am 15. Oktober selbst, warum Leoš Jánaček, warum "Das schlaue Füchslein"?

Weil ich dieses eigenwillige Werk als Hommage auf die Verwandlungskraft des Musiktheaters verstehe. Da ist einerseits diese spröde, hölzerne Erzählstruktur, inspiriert von einem Zeitungscartoon. Was Jánaček aber daraus macht, ist einzigartig. In der Verkleidung einer Tierfabel erzählt das Stück vom Wesen des Menschen und trifft eine Aussage, die aktueller nicht sein könnte. Es geht um Nachhaltigkeit, darum unsere Lebensgrundlage zu sichern. Und die Voraussetzung hierfür hat Jánaček ziemlich auf den Punkt gebracht: Wir müssen uns mit der eigenen Sterblichkeit versöhnen, endlich damit aufhören, uns als Krone der Schöpfung zu betrachten. Wir sind Teil eines großen Kreislaufes, dem auch die Kunstform Oper zugehörig ist, wenn Kultur und Natur nicht als Antagonisten gegenübergestellt werden. Das sind großartige Erkenntnisse in Musik gesetzt, und doch wird Jánaček oft stiefmütterlich behandelt und gilt als Kassengift, weswegen ich selbst bisher nie Jánaček inszenieren durfte. Jetzt habe ich die Chance ergriffen und bin überzeugt, es ist das richtige Werk zur richtigen Zeit am richtigen Ort und mit den richtigen Menschen!

Nach vielen Managern werden aktuell wieder mehr Künstler Intendanten, ist das eine Trendumkehr?

Da ist Wien wohl eher die Ausnahme. Die Tendenz geht nach wie vor in die andere Richtung.

Was unterscheidet den Künstler-Intendanten vom Manager?

Er rückt die Kunst, wohin sie gehört - in den Mittelpunkt des Betriebes. Ich hatte nie den Ehrgeiz, Intendant zu sein, es ist eher die Konsequenz meiner Arbeit als internationaler Opernregisseur, dass ich jetzt hier bin. Denn viele Opernhäuser tragen immer mehr dazu bei, dass diese Kunstform von innen heraus ausgehöhlt wird. Man kümmert sich nicht genug um die Voraussetzungen, die es braucht, um das Gesamtkunstwerk Oper zu stemmen. Dafür muss es ein Verhältnis zwischen Vision, Planung und Umsetzung geben. Wenn immer nur marktwirtschaftliche Mechanismen berücksichtigt werden und Erfolg in Zahlen gemessen wird, wird die Kunst irgendwann so kleingeschrieben, dass man sich für sie zu schämen beginnt. Und so versucht man auch seitens der Regie, mit viel zu simplen Bildern dieser Kunstform ihre Komplexität zu nehmen. Damit verliert Oper aber an Sinn, Bedeutung und Funktion. Oper ist im besten Sinne unterhaltsam, wenn sie Haltung zeigt und Halt gibt. Mit unseren Subventionen haben wir einen kulturpolitischen Auftrag, der mit kommerzialisierten Unterhaltungsmaßstäben nicht einhergeht.

Wie würden Sie Ihren kulturpolitischen Auftrag formulieren?

Menschen dafür zu sensibilisieren, dass es Hoffnung für die Welt gibt, wenn jeder ein Stück Verantwortung für sie übernimmt.

Sie haben angedeutet, künftig auch Musical machen zu wollen - war das ernst gemeint?

Wir machen Musiktheater! Das ist ja das Spannende, nicht immer nur in diesen Kategorien zu denken und alles auseinanderzudividieren. Deshalb heißt es jetzt MusikTheater an der Wien - ein Name, der zugleich Programm ist. Der Schwerpunkt unseres Spielplans liegt natürlich woanders, doch tangieren wir gleich zu Beginn dieser Saison das Genre Musical in der Kammeroper.

Wenn alle alles spielen, verwässert das nicht die Profile der Opernhäuser?

Da sind wir doch längst, dass Opernhäuser international alle dasselbe mit denselben machen. Wagner in Wien, New York oder Berlin - überall sind dieselben Künstler unterwegs, was einen Teil des Problems des heutigen Repertoire-Betriebs ausmacht. Ohne die einstige Exklusivität der Ensemblemitglieder kann man keinen eigenen Wagner-Ton und keinen unverwechselbaren Mozart-Stil mehr entwickeln. Als reiner Stagione-Betrieb können wir uns dagegen sehr konsequent profilieren, indem wir optimale Produktionsbedingungen für spezialisierte Fachkräfte schaffen, deren Arbeit im Mittelpunkt unseres Betriebes steht. Stilbildend ist nicht nur was, sondern wie man spielt, und mit 13 szenischen Premieren pro Saison sind wir ein weltweit einmaliges Stagione-Haus.

Wie soll dieses Profil aussehen in Abgrenzung zu den anderen Häusern?

Das überall immer kleiner werdende Standardrepertoire bedienen wir so gut wie gar nicht, sondern setzen auf Randstücke und kaum aufgeführte Werke. Das ist natürlich sehr ambitioniert, schafft aber einen unglaublichen Fokus auf die jeweilige Aufgabe. Eine weitere Waffe zum Schutz der Oper gegen sich selbst ist das Einfordern von Handwerk. Deswegen binden wir nicht berühmte Film- und Theaterregisseure oder Installationskünstler ans Haus, sondern Menschen, die sich mit Partituren auseinandersetzen, um durch, in und mit Musik Theater zu machen.

Warum brauchen wir Musiktheater?

Weil es ein universelles, zugleich sehr explizites Medium ist, um Bedeutendes zu kommunizieren. Weil es live erlebt werden muss und somit Menschen zusammenführt. Weil es Dinge auf eine Art und Weise vermittelt, die sonst in unserer Gesellschaft nicht stattfinden. Wir müssen lernen, unsere Sinne dafür zu schärfen. Wir sind heute dauerhaft zugedröhnt und mit Informationen konfrontiert, die uns überfordern und in kommerzialisierte Komfortzonen drängen. Früher waren wir sensibler und gingen echten, nicht marktgesteuerten Bedürfnissen nach. Gerade angesichts der Krise fordern viele, dass Kunst Seidenhandschuhe tragen und die Menschen streicheln soll. Was uns aber wirklich fehlt, ist das von Mensch zu Mensch und in Kollektiven stattfindende, unmittelbare, offene, ehrliche Gespräch auf Augenhöhe - ein Austausch, der nicht auf die Kapitalisierung der Kunst zielt, sondern ihr entgegenwirkt. Genau das kann Musiktheater. Aber nicht zwangsläufig. Es gibt nichts Dümmeres und Langweiligeres als anspruchslose, nichtssagende Opernaufführungen. Wenn das Musiktheater dagegen seine Kräfte bündelt und sein Potenzial entfaltet, lässt es uns alle fliegen.