Das russische Punkrock-Kollektiv Pussy Riot wurde 2012 mit einer spektakulären Protestaktion in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale international bekannt. Vor dem Altar führte die Truppe ein Punk-Gebet auf, in dem Wladimir Putin scharf kritisiert wurde. Mehrere Bandmitglieder wurden darauf zu Haftstrafen verurteilt. Inzwischen ist die Band im Exil - und derzeit auf Europa-Tournee, um Geld für die Unterstützung der Ukraine zu sammeln und um gegen den russischen Angriffskrieg ihre Stimme zu erheben. Pussy Riot eröffnen mit "Pussy Riot: Riot Days Show" am heutigen Freitag, 7. Oktober, die Spielzeit im Meidlinger Werk X. Die "Wiener Zeitung" sprach vorab mit Maria Aljochina über ihre Flucht aus Moskau und die gegenwärtige Situation in Russland.

"Wiener Zeitung":Wie oft wurden Sie in den vergangenen zehn Jahren inhaftiert?

Maria Aljochina: Ich habe längst aufgehört mitzuzählen. Allein im vergangenen Jahr wurde ich sechs Mal verhaftet. Anfang dieses Jahres wurde ich neuerlich zu 21 Tagen verurteilt, aber da war bereits der Krieg gegen die Ukraine im Gange. Also beschloss ich zu fliehen.

Wie gelang Ihnen die Flucht?

Meine Wohnung wurde bewacht. Ich bin aber gut verkleidet entkommen. Sie haben mich schlichtweg nicht erkannt, das war mein Glück. Wobei ich keine Angst vor dem Gefängnis mehr habe. Ich wollte mit aller Kraft gegen den Krieg in der Ukraine protestieren. Wir haben ein neues Programm entwickelt und die Einnahmen unserer Tournee gehen an ein ukrainisches Kinderspital. Für mich sind die Ukrainer die Tapfersten überhaupt. Wie sie für ihre Freiheit kämpfen, sich gegen ein Imperium stemmen - davor habe ich größten Respekt.

Was wird im Werk X zu sehen sein?

"Pussy Riot: Riot Days Show" ist Punk-Manifest und politische Kundgebung gleichermaßen. Wir verwenden unterschiedliche künstlerische Ausdrucksformen wie Musik, Video, Text und Performance, um von unserem Widerstand zu erzählen. Kurzum: eine Einladung zum Aufruhr.

Wie beurteilen Sie die gegenwärtige Situation in Russland?

In Russland regiert ein durch und durch autoritäres Regime. Die Gesetzeslage wurde seit der Annexion der Krim 2014 kontinuierlich verschärft, es herrschen enorme Repressalien. Besonders gefährlich ist, dass viele Menschen in Russland gar nicht wissen, was wirklich vor sich geht, was wir einer besonders perfiden Form von Zensur verdanken. Es wurde beispielsweise ein Gesetz erlassen, um gegen sogenannte Fake-News vorzugehen: Ausschließlich Nachrichten, die der russische Staat verbreitet, gelten demnach als wahr, westliche Medien stehen unter Generalverdacht. Wer diese Medien konsumiert oder gar verbreitet, verstößt gegen das Gesetz und kann mit einer Haftstrafe von 5 bis 15 Jahren rechnen. Das droht jedem, der in Russland den Krieg "Krieg" nennt.

Was halten Sie von den EU-Sanktionen und den Waffenlieferungen an die Ukraine?

Die Waffen sind notwendig, ohne sie lässt sich kein Krieg führen. Die wirtschaftlichen Sanktionen greifen jedoch nicht weit genug. Immer noch schöpft Russland Gewinne aus dem Gas- und Ölgeschäft. Auf diese Weise subventioniert Europa durch die Hintertür weiterhin Putins Krieg. Was doch zynisch ist!

Viele Menschen haben inzwischen Angst vor einem Dritten Weltkrieg.

Die Welt von heute ist auf vielfältige Weise verwoben. Europa ist bereits tiefer in den Krieg verstrickt, als die allermeisten wahrnehmen wollen. Für viele sind die Kriegsberichte wie ein mediales Hintergrundrauschen, bestenfalls kämpft man hier mit Inflation und mit steigenden Preisen. Aber das alles ist ein Desaster, auch wenn es sich hier noch nicht so anfühlt.

Ist der inhaftierte Oppositionelle Alexei Nawalny die politische Hoffnung für ein anderes Russland?

Nawalny ist einer der bekanntesten Oppositionellen, er ist unglaublich couragiert und musste viel ertragen. Leider gibt es im ganzen Land unzählige politische Gefangene, die zum Teil schwer misshandelt wurden. Kaum jemand im Westen weiß davon. Das muss endlich aufhören, es muss das Recht auf freie politische Meinungsäußerung geben!