Maria Taglioni ist schuld. Zweifellos. Hätte sie nicht diese Idee gehabt, wäre die Welt der Tänzerinnen bis heute ein wenig schmerzfreier. Denn jede andere Tänzerin hätte die Eingebung, sich auf Spitze erheben zu wollen, um noch elfenhafter zu erscheinen, nach den ersten unerträglichen Schmerzen gleich wieder fallen lassen. Die Tänzerin Marie Camargo etwa eliminierte lediglich den kleinen Absatz an den Ballettschläppchen - sie hätte sich sonst die Knöchel blutig geschlagen - und voilà: Das Entrechat, in dem die Füße ganz schnell und eng aneinander in der Luft ihre Position wechseln, war möglich. Hätte man nicht einfach dabei bleiben können? Und alle Balletttänzerinnen würden auch heute noch in total bequemen Schläppchen ihren "Schwanensee" tanzen. Und wenn sie nicht gestorben sind . . . - man wird ja noch Geschichten erzählen dürfen.

Wie gesagt: Maria Taglioni ist schuld. Denn sie war die Erste, die 1832 in "La Sylphide" mit ihrem Erheben auf die Zehenspitzen Tanzgeschichte schrieb. Damals waren es noch kurze Momente auf Spitze, denn das Schuhwerk war nicht dafür geeignet. Vermutlich war es 1813 Genevieve Gosselin, die ihre Schuhe versteifte, denn sie konnte bereits eine Minute auf Spitze stehen. Bis heute sind diese Schühchen in einem zarten Rosa zu finden, um eine Verlängerung der Beine zumindest optisch zu ermöglichen. Denn auch die Ballettstrumpfhose ist in einem zarten Rosaton gehalten; zumindest in den Ballettklassikern, zu denen etwa "Schwanensee" oder auch "Giselle" zählen.

Metall, Kork und Leinen

Später benutzte man für die Spitzenschuhe, die man als solche bezeichnen kann, in Italien Metalleinlagen, doch die waren laut und hart und vermutlich auch nicht gerade federleicht. In Russland verstärkte man die Schuhe deshalb mit Kork, in Westeuropa hingegen wurden sie mit vielen Schichten aus Leim und Leinen gefestigt. Diese Art der Herstellung wird auch heute noch praktiziert: händisch, fast ein Kunsthandwerk.

Es benötigt elf Schritte, um diesen Schuh fertigzustellen, wobei es keinen Unterschied zwischen rechts und links gibt. Tänzerinnen bleiben einem bestimmten Schuhmacher und einer bestimmten Marke meist treu. Es gibt mehr als 80 verschiedene Spitzenschuhmarken: Die gängigen sind Bloch, Chacott, Freed of London, Capezio, Grishko und Sansha, manche Tänzerinnen bevorzugen auch lokale Marken ihrer Länder. Bei dieser Auswahl ist es wohl nachvollziehbar, dass es ein langer - oft schmerzhafter - Prozess ist, die richtigen Schuhe zu finden, und ein noch längerer Prozess von Versuch und Irrtum, um herauszufinden, wie man die Schuhe am geeignetsten bearbeitet.

Sophia Lindner. - © KD Busch / Baden-Württemberg Stiftung
Sophia Lindner. - © KD Busch / Baden-Württemberg Stiftung

Ist der Spitzenschuh einmal gekauft, geht die Vorbereitung erst so richtig los: Satinbäder und Gummi werden händisch angenäht, manche umsäumen auch mit Garn die Kappe, damit der Stoff nicht so schnell ausfranst. Danach muss der Schuh an den richtigen Stellen weich gemacht werden: Manche steigen in Putzalkohol (der trocknet schnell), damit sich die harte Kappe den Zehen anpassen kann, oder sie wird in der Türe auf der Seite der Scharniere eingeklemmt und die Türe wippend geschlossen. Manchen reicht es auch, die Schuhe mit dem Hammer zu bearbeiten oder gar nur auf einer harten Oberfläche aufzuschlagen. Die dicke, aus mehreren Schichten bestehende Sohle wird an den richtigen Stellen gebogen, geknickt, manchmal gebrochen, je nach Art und Form des Fußes. Erst dann ist der Spitzenschuh einsatzbereit, um vielleicht die Hälfte einer Abendvorstellung, im besten Fall zwei Wochen benutzt zu werden. Das kostet nicht nur viel Zeit, sondern auch Geld, das im günstigsten Fall das Theater zahlt, im ungünstigsten müssen die Eltern der Eleven die Börse öffnen: Immerhin kosten die Ballettschuhe ab 40 Euro bis etwa 120 Euro.

Nun, es wäre an der Zeit, einen Blick auf die Möglichkeiten zu werfen, welche die Sportwissenschaft für die Ballettwelt bereithalten könnte. Natürlich gibt es seit Jahren auch mit Plastik verstärkte Schuhspitzen und Sohlen, die Schuhe sind innen mit Schaumstoff und Gel gepolstert. Durchgesetzt hat sich das jedoch nicht.

Baukastensystem: Die Spitzenschuhe werden je nach Bedürfnissen zusammengestellt. - © act’ble GmbH
Baukastensystem: Die Spitzenschuhe werden je nach Bedürfnissen zusammengestellt. - © act’ble GmbH

An dieser Stelle kommt die 28-jährige Sophia Lindner ins Spiel, die in Karlsruhe mit ihrer Erfindung die Ballettwelt, vor allem die Spitzenschuhe, ins 21. Jahrhundert bringen möchte. Sie hat 14 Jahre lang Ballett studiert und weiß, "was da alles schiefläuft". Als Produktdesignerin entwickelte Lindner ein modulares System für Spitzenschuhe, das aus dem 3D-Drucker kommt. Sie hat während ihres Studiums das Potenzial gesehen, das in der Weiterentwicklung von Spitzenschuhen steckt, und mit ihrem Konzept den zweiten Platz beim internationalen Design-Wettbewerb James Dyson Award gewonnen. "Und dann ging’s los", sagt sie lachend.

Inspiration: Fußballschuhe

Es wurden Artikel über ihr Konzept publiziert, Choreografen, Ballettdirektoren und auch Tänzer kamen auf sie zu. "Da wurde mir klar, dass sich der Markt nach etwas Neuem sehnt. Das habe ich ehrlich nicht erwartet." Zum restlichen Sportschuhmarkt gäbe es einen unglaublichen Kontrast, "aber die Architektur eines Spitzenschuhs ist eine ganz andere: Man steht auf der Spitze, dann müssen die Kräfte von dem Schuh gut verteilt werden. Wenn der ganze Körper auf den Zehen steht, ist das eine enorme Druckbelastung", erklärt Lindner. Von den Hightech-Materialien, wie etwa bei den Fußballschuhen könne man sich inspirieren lassen. "Alleine schon, dass es weder rechten noch linken Schuh gibt beim Ballett, ist in der Sportschuhindustrie undenkbar!"

Was unterscheidet nun ihren Schuh vom herkömmlichen? Die Herausforderung lege darin, das Bestmögliche zu geben für die verschiedenen Stadien des Fußes, die der Tanz eben bieten würde. Dass man das nicht mit den herkömmlichen Materialien erreicht, ist auch klar: "Satin ist nicht elastisch, sprich die Ferse passt sich nie gut an (Anm. siehe Foto). Das grundsätzliche Problem ist, dass die Anatomie des Schuhs nicht verändert wurde. Die Satinbänder halten den ganzen Schuh am Fuß, die schneiden an der Achillessehne ein und der komplette Spann ist frei, wo Kräfte wirken, die bei unserem Schuh abgefangen und verteilt werden können", so Lindner weiter. Der herkömmliche Spitzenschuh entspreche nicht mehr den heutigen Stand der Forschung und nachhaltig für den Körper und die Umwelt - bei dem hohen Verschleiß - wären solche Spitzenschuhe auch nicht. Deshalb gibt es anstelle von Satin eine Skin (Haut), die mit unterschiedlich elastischen Garnen gestrickt ist und verschiedene Kompressionszonen hat, die dem Kräftewirken angepasst sind.

Die Zukunft des Spitzenschuhs aus modernen Materialien. - © Victoria Pradzynski
Die Zukunft des Spitzenschuhs aus modernen Materialien. - © Victoria Pradzynski

Aus dem 3D-Drucker kommt die Sohle mit der Zehenkappe, die aus einem Guss sind. "Durch die Geometrie der Sohle mit Einschnitten und Riffeln erhält man unterschiedliche Effekte in Flexibilität, Stabilität und Verdichtung", sagt Lindner. Also für jeden Fuß anpassbar. Dazu gibt es auch Bänder, die ebenfalls individuell an der Sohle, je nach Bedarf, befestigt werden. Details können separat gekauft und zusammengestellt werden. "Wenn wir schon ein modulares Konzept haben, dann wollen wir auch nachhaltig agieren": Der Schuh kann eingeschmolzen und wiederverwendet werden.

Der offizielle Launch von actable wird Anfang 2023 stattfinden. Die Zielgruppe: "Vor allem neoklassisches und zeitgenössisches Ballett, denn im traditionellen ist es verständlich, dass der herkömmliche Spitzenschuh schon Teil des Kostüms ist." Aber auch in der Ausbildung wäre dieser neue Spitzenschuh sinnvoll: "Ja, bevor Schaden angerichtet werden kann", so Lindner. Nebenbei erwähnt: Man beginnt mit elf Jahren mit dem Spitzentraining, einem Alter, in dem die Füße noch nicht fertig ausgewachsen sind. Umso wichtiger ist hier der professionelle, verantwortungsvolle Lehrer. Aber das ist ein anderes Thema.