Wäre er in der Gepäckabfertigung beim Wiener Flughafen geblieben, hätte er den Abend des 10. Oktober wohl gemütlich daheim verbracht und seinen Ruhestand genossen. Vielleicht hätte er mit einem alten Freund telefoniert und ihn zu seinem 75. Geburtstag diesen Freitag eingeladen. Weil der am 14. Oktober 1947 in Stinatz geborene und in Wien-Favoriten aufgewachsene Burgenland-Kroate, der einen Teil seiner Jugend in den 1960ern am Bruckhaufen in Floridsdorf verbrachte, aber rechtzeitig seiner Berufung nachgegeben hat, ist er eben nicht bei der AUA geblieben und in Pension gegangen, sondern steht auch mit fast 75 Jahren immer noch auf der Kabarettbühne.

Eine Art Autobiografie

Und so hatte am Montagabend sein bereits 29. Soloprogramm Premiere. "Über Leben" heißt es und ist so etwas wie eine Autobiografie mit zahlreichen Anekdoten aus 75 Jahren einstreut. Dazwischen streut er aktuelle Ereignisse ein und legt damit immer wieder die Rutsche zur nächsten Geschichte. Apropos Autobiografie: Die ist soeben auch in Buchform erschienen. "Krowod", gemeinsam mit dem Autor und ausgewiesenen "Austrologen" Fritz Schindlecker geschrieben, erzählt von der Zeit, als Resetarits noch Erich hieß, insbesondere vom Erwachsenwerden zwischen Stinatz und Wien. Seine Leser erfahren unter anderem, wie er eine Königin gerettet hat, den Koffer von Rolling Stone Bryan Jones fand und an einer Weinverkostung in Australien teilnahm.

75 Jahre Erich Lukas Resetarits. 
- © Katrin Werzinger

75 Jahre Erich Lukas Resetarits.

- © Katrin Werzinger

Bevor Resetarits Kabarettist wurde, war er Musiker. Schon zu Schulzeiten hatte er gemeinsam mit seinem nur 14 Monate jüngeren Bruder Willi (1948 bis 2022) eine Beat-Band. Dass Erich, der nur unwesentlich Ältere, in ihrer Kindheit immer als der schlimmste der drei Brüder (Nachzügler Peter kam 1960 zur Welt) galt, kann man sich bei diesem gesetzten älteren Herrn heute kaum vorstellen. Oder doch? Das "Gfeanzte", von dem auch seine Interpretation des Major Adolf Kottan in Peter Patzaks Kultserie (1976 bis 1984) lebte, blitzt immer noch durch, manchmal zumindest. Geprägt hat ihn wohl auch der Katholizismus des Kirchenrebellen Adolf Holl, bei dem er zu dessen Zeiten als Kaplan am Wiener Keplerplatz ministriert hat.

Dass aus dem Erich auf der Bühne ein Lukas wurde, hatte übrigens einen ganz pragmatischen Grund: Als Resetarits in den 1970ern nach ersten Gehversuchen mit Erwin Steinhauer und Wolfgang Teuschl im Kabarett Keif bei den Schmetterlingen anheuerte, gab es dort schon einen Erich (Meixner). Und weil zwei Erichs in einer Combo zu mühsam gewesen wären, griff er kurzerhand auf seinen zweiten Vornamen zurück. Und einmal als Lukas Resetarits bekannt, behielt er diese Namenskombination für die nächsten fünf Jahrzehnte. Man darf freilich vermuten, dass er als Erich Resetarits eine genauso beeindruckende Karriere als Kabarettist hingelegt hätte.

Anekdoten statt Politik

Deren vorläufigen Höhepunkt bildet nun "Über Leben". In diesem 29. Soloprogramm ist Resetarits insgesamt wesentlich weniger politisch als früher. Nur am Anfang zieht er über die marketinggetriebene Tagespolitik her oder macht sich Sorgen, wie viele ehemalige Politiker die Privatwirtschaft eigentlich noch aushält. Statt Politiker-Bashing geht es diesmal ums Philosophieren über die lebensrettende Kraft einer Leberkässemmel, Bakterien auf Plastiktellern oder launige Erinnerungen ans Tröpferlbad. Es ist sicher eines seiner unterhaltsamsten Programme. Launig und leidenschaftlich arbeitet sich Resetarits an der grassierenden Handysucht ab, geißelt die mediale Aufmerksamkeit für die Duschgewohnheiten von C- und D-Promis und überlegt, ob die Blödheit mehr geworden ist. Antwort: Nein, sie ist dank Social Media "nur sichtbarer und lauter geworden".

Sichtbar wird sein ganzes kabarettistisches Talent vor allem in den Anekdoten darüber, wie er neben seinem Studium (Psychologie und und Philosophie) in einer Melkmaschinenfabrik als Zitzengummi-Kalkulator gejobbt hat oder wie er sein erstes Telefon bekommen hat. Wenn er schildert, wie ein sechs Mann starker Telefonmontagetrupp in ehemals Staatsbetrieb-typischer Arbeitsteilung das Vierteltelefon anschließt, dann sind ihm die Lacher seines durchaus älteren Publikums an diesem Abend sicher.

Das neue Programm ist weder politisches Kabarett noch plumpe Schenkelklopferei. Resetarits will sein Publikum einfach gut unterhalten. Denn wie er in einem Interview treffend formuliert hat: "Die gehobene Unterhaltung verschwindet. Ich bin jedenfalls nicht bereit, niveaumäßig darunterzugehen. Da hör ich lieber auf." Wie man an diesem Abend sieht, findet gehobene Unterhaltung aber durchaus noch statt. Kein Grund also aufzuhören.