Russische Dramatik? Tschechow, so der reflexhafte erste Gedanke. Dass die russische Dramenliteratur indes weitaus mehr zu bieten hat, davon kann man sich nun im Theater in der Josefstadt mit Alexander Ostrowskijs brillanter Tragikomödie "Der Wald" überzeugen.

Ostrowskij starb 1886 im Alter von 63 Jahren in Moskau. Seinerzeit zählte er zu den einflussreichsten Theaterautoren des Landes. "Der Wald", eines seiner Meisterwerke, ist ein feinsinniges, raffiniert gebautes Lustspiel um eine reiche Witwe aus der Provinz, die von geldgierigen Nutznießern belagert und von einem jungen Filou um den Finger gewickelt wird. Ostrowskij entfaltet darin ein pointiertes Gesellschaftspanorama einer fast schon schmerzhaft profitorientierten Gesellschaft.

Der Schweizer Regisseur Stephan Müller (zuletzt an der Josefstadt mit "Der Bockerer") lädt seine Inszenierungen gern mit kulturhistorischer Bedeutung auf. In Müllers Adaption von "Der Wald" zitiert das elegante, ganz in schwarz-weiß gehaltene Bühnenbild von Sophie Lux etwa die Formensprache des russischen Konstruktivismus der 1920er-Jahre; auf einer mondförmigen Leinwand werden Videos projiziert, die an die Stummfilm-Ästhetik der Revolutionsjahre erinnern. Birgit Hutters Kostüme sind wiederum dem Dresscode des 19. Jahrhunderts verhaftet.

Die Nebenfiguren auf der Bühne - Dienstboten wie Bauern - legen einen so gekünstelten wie körperbetonten Spielstil an den Tag, der irgendwo zwischen Commedia dell‘arte und Meyerholds Biomechanik angesiedelt ist. Der russische Bühnenstürmer Meyerhold schrieb 1924 übrigens mit seiner radikalen "Wald"-Inszenierung Theatergeschichte.

Der forcierte Formwille will in Wien nur nicht so recht zum offensichtlichen Anlass der Inszenierung passen: "Der Wald" an der Josefstadt ist vor allem Theater in Star-Besetzung.

Betrug mit Raffinesse

Andrea Jonasson spielt die reiche Gutsbesitzerin Raissa Pawlowna mit der ihr eigenen Grandezza; bei dieser Schauspielerin passt und verfängt jeder Satz, schier ewig könnte man ihr lauschen.

Flankiert wird sie vom ehemaligen Volksopern-Direktor Robert Meyer und Josefstadt-Impresario Herbert Föttinger: Die profilierten Theatermacher spielen ein herrlich abgehalftertes Schauspieler-Duo. Fraglos gehört den beiden der beste Moment der knapp dreistündigen Aufführung: Wenn Föttinger und Meyer in ihren abgewetzten Kostümen an der Bühnenrampe nach allen Regeln der Kunst über das Theater selbst herziehen, sind Lacher garantiert.

Meyer legt die komödiantische Rolle des Arkadij Stschastliwzew als liebenswerten Stinkstiefel an - und trifft die Pointen punktgenau. Föttinger spielt den Tragöden Gennadij Nestschastliwzew in bewährter Manier, hält die Szenen kraftvoll zusammen. Dennoch könnte die Angelegenheit etwas mehr Schwung und Tempo vertragen, die Komödiendynamik hängt wiederholt durch. Vor allem tiefgründigere Aspekte des Stücks, in denen es um ein Kunstideal versus schnöden Materialismus geht, dringen nicht wirklich durch.

Rundweg geglückt ist "Der Wald" in der Josefstadt also nicht. Dennoch wird die Inszenierung nach Josefstadt-Logik ein großer Publikumserfolg werden. Die Traditionsbühne lässt das Schauspielertheater alter Schule hochleben. Ein mittlerweile rarer Genuss.