Baugerüste und Leitern, Farbtöpfe und Stoffe, Werkbänke und Werkzeugschränke. Seile hängen von der Decke, ein Gabelstapler fährt umher. Der lebendige Werkstattcharakter auf der offenen Bühne der Halle E im Museumsquartier ergab am Samstagabend vielfach Sinn. Einmal, weil das Theater an der Wien hier mit der Premiere von "Das schlaue Füchslein" für die Dauer des Umbaus des Hauses am Naschmarkt sein Ersatzquartier bezogen hat. Zweitens, weil Neo-Intendant und Regisseur der Produktion Stefan Herheim damit sein Projekt gestartet hat, Musiktheater in Wien neu zu denken, zu erforschen und zu bauen.

Drittens verweist dieses tönende Handwerkerlabor auf das Regiekonzept, das Herheim für diese Oper von Leoš Janáček erdacht hat: Hier wird eine neue Welt geschmiedet, in der scheinbare Gegensätze ineinander fallen in einen großen ewigen Kreislauf. Die Gegenpole von Natur und Kultur, von Mensch und Tier - und schließlich von Leben und Tod.

Stehen szenisch und vokal im Zentrum: Mélissa Petit als schlaue Füchsin und Jana Kurucová als Fuchs. 
- © Theater an der Wien / Monika & Karl Foster

Stehen szenisch und vokal im Zentrum: Mélissa Petit als schlaue Füchsin und Jana Kurucová als Fuchs.

- © Theater an der Wien / Monika & Karl Foster

Die Tiere des Waldes sind bei Stefan Herheim Menschen, die sich als Tiere verkleiden, und dann wieder menschliche Kleidung tragen - das hebt letztlich alle Unterschiede auf. Der einzige Gegensatz, der bleibt, ist der zu jenen Figuren, die den Menschen nach wie vor heraushalten wollen aus diesem großen Ganzen.

Musikalisch beredte Szenerie

Die szenische Umsetzung der Geschichte um die schlaue Füchsin, die im Tier- wie im Menschenreich gehörig aufmischt, hat Witz in den Choreografien (Beate Vollack) und ist höchst musikalisch: Mit jeder Geste, jedem Blick knüpft Stefan Herheim kleine Geschichten aus der Partitur direkt in die Figuren hinein, macht die Musik plastisch, ohne ihr dabei etwas überzustülpen. Auch die aktuellen Bilder in der flexiblen Bühnenlandschaft von Silke Bauer sind nicht aufgesetzt, sondern machen in dieser Opernwerkstatt Sinn: Die Hühner etwa zeigt er nicht in einer Legebatterie, sondern als Näherinnen der Bekleidungsindustrie, den Pfarrer bezirzen Femen-Aktivistinnen. Und auch wenn sich nicht jedes Detail gleich erschließt: In diesem "schlauen Füchslein" trifft Fantasie auf Handwerk, komplexe Bilderfülle auf klare Sinnlichkeit, führt Musikalität direkt in lebendige Tableaus.

Genährt wird die musikalische Szenerie von Giedre Šlekyte am Pult der Wiener Symphoniker. Die 33-jährige litauische Dirigentin agiert mit der gleichen Mischung aus Präzision und Inspiration wie Herheim, ihr Janáček unterstreicht die kluge Zartheit der Partitur ebenso wie die expressiv aufbrechende Formsprache.

Sängerisch ist diese Produktion eine homogene Ensembleleistung: Mélissa Petit steht als vokal mühelose wie szenisch präsente Füchsin Schlaukopf ebenso im Zentrum wie Milan Siljanov als vokal potenter Förster und die als indisponiert angesagte, stimmlich starke Jana Kuruková als Fuchs. Tenor Ya-Chung Huang darf neben zahlreichen Tierrollen als komponierender Janáček staunend durch die eigenen Imaginationswelten wandeln. Dabei erkundet er nicht nur die Verschmelzung von Tier und Mensch sowie den Kreislauf des Lebens, sondern beschwört auch noch die Geister von 400 Jahren Operngeschichte herauf. Im Finale versammeln sich im Theaterwald schließlich Tosca und Cleopatra, Butterfly und Carmen, tanzt der Nussknacker neben dem Rosenkavalier, wird ein Opernabend zur schillernden Arche Noah des Musiktheaters.

Was Stefan Herheim und sein Team in der Halle E zeigen, ist ein lebendiger Hymnus an die Kraft des Musiktheaters, an die Zuversicht und den Trost, die Kunst, die Musiktheater spenden können. Wie sich dieser höchst kreative und tief musikalische Energieschub jenseits dieser ersten Premiere im Rahmen von Herheims Intendanz entwickeln wird? Darauf hat die Eröffnungsproduktion definitiv neugierig gemacht.