"Wiener Zeitung": Frau Fritsch, Sie sind momentan Trägerin der beiden prestigeträchtigsten Ringe des Sprechtheaters, haben 2014 den Alma-Seidler-Ring verliehen bekommen und im Jänner 2022 den Albin-Skoda-Ring. Sind solche Auszeichnungen für Sie mehr Freude oder Last?

Regina Fritsch: Es ist für den Moment schön, wenn man Anerkennung erfährt, aber sonst spielt das in meinem Alltag keine Rolle. Es erleichtert mir das Leben nicht, die Zweifel und Kämpfe bleiben dieselben. Auszeichnungen setzen natürlich einen Maßstab, aber nur einen menschlichen, Gott sei Dank keinen übermenschlichen, Nichtgelingen muss immer möglich sein dürfen.

Annemarie Düringer hatte Sie testamentarisch als die ihr nachfolgende Trägerin des Alma-Seidler-Ringes verfügt. Kam dies für Sie überraschend?

Absolut! Karin Bergmann war damals Direktorin, sie rief mich an und sagte: Sitzt du gut? Damit hätte ich absolut nicht gerechnet.

1987, also zwei Jahre nachdem Sie von Achim Benning ans Burgtheater engagiert wurden, standen Sie mit Düringer im Nestroy-Stück "Umsonst" gemeinsam auf der Bühne. Ihr eilte der Ruf voraus, dass sie Neuzugänge streng prüft. Wie haben Sie das erlebt?

Annemarie Düringer hatte hohe Ansprüche und eine sehr direkte, wenig pädagogische Art. Sie sagte einem alles mitten ins Gesicht. Das machte mir jedoch nichts aus, ich hatte großen Respekt vor ihr und schätzte sie als Ratgeberin. Einmal probte ich eine Rolle im "Stellvertreter" von Rolf Hochhuth und kam mit dem Regisseur überhaupt nicht klar - die erste Adresse war sie. Ich rief sie an und sagte: Bitte, hilf mir! Und das hat sie getan.

Würden Sie Düringer als eine Art Mentorin bezeichnen?

Nicht so wie Erika Pluhar, die eine aktive Mentorin war und mit der ich bis heute freundschaftlich verbunden bin. Annemarie war emotional viel weiter weg, sie war eher nur Respektsperson.

Sie teilten für einige Jahre die Künstlergarderobe mit Düringer.

Früher war es so, dass man als Neuzugang in der hintersten Garderobe anfing und sich die vorderen erst verdient machen musste. Anhand der Garderobe, die man zugeteilt bekam, konnte man ablesen, welcher künstlerische Status einem zuteilwurde. Irgendwann bin ich in Annemaries Garderobe gelandet - solche Traditionen gibt es heute nicht mehr.

- © Jeanne Degraa
© Jeanne Degraa

Als Sie mit knapp 21 Jahren Ensemblemitglied des Burgtheaters wurden, waren Sie umringt von großen Namen: Paula Wessely, Inge Konradi, Erika Pluhar, Michael Heltau, Susi Nicoletti, Kurt Sowinetz, Karlheinz Hackl. Wie wurden Sie aufgenommen?

In den nun bald 40 Jahren am Burgtheater würde ich sagen, war das meine Zeit, ich wurde großartig aufgenommen und habe alles von diesen tollen Persönlichkeiten gelernt, nur durch Zuschauen, von der Pieke auf sozusagen. Auch Michael Heltau hat sich sehr um mich gekümmert, genau beobachtet, wer ich bin, wie ich spiele, wie ich mich entwickle. Es waren viele wohlwollende und interessierte Begegnungen!

Gibt es diesen Ensemblegedanken heute noch?

Es gibt ihn sicher noch, aber seine Streitbarkeit, seine Kraft und seine Identifikation schwächelt. Ich erinnere mich, als Claus Peymann kam und das Ensemble in einem Interview als "leere Hülsen" bezeichnete - wie man da füreinander gekämpft hat! Wir sind heute vereinzelter, etwas müde und desinteressierter - kommt mir vor.

Paula Wessely war die erste Trägerin des Alma-Seidler-Ringes. Hatten Sie zu ihr ebenfalls näheren Kontakt?

Nein, da war sie ja schon sehr alt, aber ich war eine große Verehrerin von ihr. Das wusste auch ihre Tochter Maresa Hörbiger. Als ich mit 33 Jahren die Genia in Schnitzlers "Das weite Land" spielte, hat sie mir zur Premiere ein von ihrer Mutter mit zittriger Hand geschriebenes "Toi, toi, toi" überbracht. Das hat mir sehr viel bedeutet, zumal die legendärste Inszenierung dieses Stückes ja jene mit Paula Wessely und Attila Hörbiger war.

Mit dem Leben und Wirken Alma Seidlers haben Sie sich ebenfalls beschäftigt.

Das hat mit Achim Benning zu tun, der ziemlich am Anfang meiner Karriere zu mir sagte, dass ich ihn an Alma Seidler erinnere.

Inwiefern haben Sie ihn an Alma Seidler erinnert?

Er hat wohl gefunden, dass ich ebenso vielseitig einsetzbar bin auf der Bühne und ähnlich unabgehoben im Leben.

Alma Seidler hat fast 60 Jahre am Burgtheater gespielt - haben Sie das auch vor?

Ich weiß es nicht, ich bin diesem Haus sehr verbunden, es reizt mich nicht, woanders zu spielen. Was mich mehr reizen würde, ist, überhaupt nicht mehr zu spielen...

Regina Fritsch (l.) in der Akademietheater-Aufführung von "Bunbury" (mit Mavie Hörbiger und Tim Werths). - © Susanne Hassler-Smith
Regina Fritsch (l.) in der Akademietheater-Aufführung von "Bunbury" (mit Mavie Hörbiger und Tim Werths). - © Susanne Hassler-Smith

Da sprechen Sie ein Thema an, das sich durch Ihr Leben zieht: Woran liegt es, dass Sie trotz großer Erfolge immer wieder Zweifel plagen, ob Sie den richtigen Beruf ergriffen haben?

Weil die Fragen, die mich in meinem Leben am meisten beschäftigen, lauten: Wie lebt man richtig? Was ist meine Aufgabe als Mensch? Mich interessiert das große Ganze, das man nicht verstehen kann - das zieht mich in seinen Bann, und weniger meine Person, ob ich jetzt toll spiele oder einen Preis kriege. Die wesentliche Frage ist für mich, wie setzt man seine Fähigkeiten so ein, um das Beste aus dem Leben zu machen. Und da gibt es viele Möglichkeiten.

Welche Fähigkeiten sehen Sie zu wenig genutzt in Ihrem Leben?

Vor allem das Haptische, das Handwerkliche, das Praktische.

Das heißt, Sie sind handwerklich begabt. Was können Sie alles?

Im Grunde genommen alles außer Schweißen und Elektroinstallationen! Haha, nein, das ist natürlich gelogen, aber es interessiert mich tatsächlich alles!

Ist das eine angeborene Neugierde, dass Sie sich für so viele unterschiedliche Dinge interessieren oder kommen diese Interessen aus dem Elternhaus?

Auch aus dem Elternhaus, mein Vater war Baumeister und Jazzmusiker, sehr kreativ und vielseitig. Meine Großmutter, die mich ebenfalls sehr geprägt hat, war Kleinbäuerin und Köchin, sie hatte Hühner und ein Schwein, einen Garten, ein Feld und einen Weingarten. Es hat mir unheimlich gefallen, was sie alles selber konnte. Da gibt es übrigens einen Super-8-Film von mir, als ich noch ganz klein war: Es war ein Ereignis, weil wir erstmals eine Sodawasserflasche hatten und sie nicht richtig zu bedienen wussten. Ich konnte zwar noch kaum sprechen, sagte aber bereits: Regina macht das! Das wurde zum geflügelten Wort für heikle Herausforderungen in unserer Familie: Regina macht das!

"Die Fragen, die mich in meinem Leben am meisten beschäftigen, lauten: Wie lebt man richtig? Was ist meine Aufgabe als Mensch" 
- © Jeanne Degraa

"Die Fragen, die mich in meinem Leben am meisten beschäftigen, lauten: Wie lebt man richtig? Was ist meine Aufgabe als Mensch"

- © Jeanne Degraa

Wenn es ein Problem gibt, weiß man somit, an wen man sich wendet ...

Lösungsorientiertheit macht mir Freude, gleichzeitig ist sie auch mein Fluch, weil ich leider zu oft dieses Duracell-Häschen bin, das nicht merkt, wenn die Batterie längst leer ist.

Eine Ihrer beiden Töchter, Alina Fritsch, hat ebenfalls den Schauspielberuf ergriffen, was Ihnen zunächst gar nicht recht war. Weshalb?

Weil ich diesen Beruf schwer finde. Der kreative Prozess steht für sich und über allem, lässt sich nicht werten, er ist, wie er ist, alles Drumherum ist mir jedoch überwiegend unangenehm. Auch zu Interviews muss ich mich überwinden. Wenn man nicht ins Rampenlicht drängt, ist ein Beruf, der für die Öffentlichkeit lebt, nicht immer freudvoll. Meine Tochter sieht das ähnlich.

Alina ist eher introvertiert?

Eine erfrischende Mischung aus introvertiert und extrovertiert, würde ich sagen. Ich jedoch schramme hart an der Soziophobie vorbei, verschwinde am liebsten, wie eine Pflanze, die gern irgendwo im Dunklen wächst. Ein paradoxer Zustand, für den es keine Lösung gibt.

Warum haben Sie diesen Beruf dann ergriffen?

Er hat mich ergriffen! Er hat mich ernährt, darum bin ich dabei geblieben.

Werden Sie von Ihrer Tochter manchmal um Rat gefragt?

In künstlerischen Dingen nicht, das braucht sie auch gar nicht. Momentan dreht sie vor allem TV-Serien - und ist jetzt die neue Kommissarin von "Die Toten vom Bodensee".

Generell gesehen, haben Sie das Gefühl, dass Sie für junge Schauspieler eine Mentorin sind?

Dadurch, dass ich am Max Reinhardt Seminar unterrichte - natürlich, ja, ich interessiere mich für die Jungen. Ich hoffe immer, sie nicht zu viel zu verunsichern oder zu stören ...

Sie sind Professorin für Rollengestaltung, worauf legen Sie den Fokus, was möchten Sie weitergeben?

Zum Beispiel Freude an der Vielseitigkeit in diesem Beruf. Ich möchte den Studierenden nahebringen, dass Theaterspielen keine Ego-Show ist, dass viel Arbeit investiert werden muss, dass sie zeitgeistigen Moden widerstehen und lieber ihre eigene Wahrheit finden und verteidigen sollen. Ich möchte, dass sie auch zu Klassikern freudvollen Zugang finden und keine Angst vor komplexen Gedanken haben - und dass sie nicht müde in ihrer Selbsterforschung werden.

Seit Jänner dieses Jahres sind Sie, wie gesagt, Trägerin des Albin-Skoda-Ringes, der alle zehn Jahre für einen besonders hervorragenden Sprecher unter den deutschsprachigen Schauspielern vergeben wird. Welchen Stellenwert hat Sprechen als Kunstform heute noch?

Lautstärke und Verständlichkeit hatten, als ich am Burgtheater begonnen habe, einen gewichtigen Stellenwert. Die Alltagsprache, die heute auf der Bühne und dabei oft auch über Mikrofon gesprochen wird, hat wenig mit den Anforderungen wie Nuanciertheit, Farbigkeit, Musikalität der Theatersprache von früher zu tun.

Früher war es auch undenkbar, einen Nestroy mit deutschen Schauspielern zu besetzen. Wie denken Sie darüber, dass das österreichische Idiom am Burg- theater rar geworden ist?

Inhalte sind ja geduldig. Aber ich verstehe nicht, warum man so versessen darauf ist, das Lokale auszuradieren. Der Gedankengang dahinter ist, glaube ich: Nestroys Sprache und Figuren, das ist doch Folklore, aber wenn wir ihn mit Nichtösterreichern besetzen, machen wir ihn international. Nestroy ist so wenig Folklore wie Manfred Deix, er hat den Menschen seiner Zeit und Umgebung aufs Maul geschaut, auch deren Sprachmelodie, deren ganz speziellen Mechanismen, Farben und Typologien und daraus zeitlose psychologische Figuren erschaffen, die ihre Wurzeln im Österreichischen haben. Warum sie ausreißen oder sich ihrer schämen?

Sie haben einmal gesagt, dass es Ihnen fast wichtiger sei, mit welchem Regisseur Sie an einer Inszenierung arbeiten, als um welches Stück es sich handelt.

Das Tollste, was ein Regisseur machen kann, ist, einen Raum zuzulassen, wo alles möglich ist. Deswegen hoffe ich auch, meine Studierenden nicht zu behindern. Das Schlimmste sind unnötige Verunsicherungen von außen.

Sie ließen durchblicken, dass Sie ganz besonders gerne mit Stefan Bachmann, Achim Benning und David Bösch arbeiten. Hat sich mittlerweile noch ein Regisseur oder eine Regisseurin dazugesellt?

Nicht dezidiert. Früher wusste ich genau, was ich will - und wollte es auch durchsetzen. Jetzt lasse ich mich mehr verführen von dem, was im Moment da ist. Es kann mich jeder verführen, der mir etwas zu sagen hat.

Wie viel kreativer Spielraum ist bei der Rollengestaltung generell vorhanden für einen darstellenden Künstler?

Ich kann nur von meinen Erfahrungen sprechen. Bis ich weiß, wo eine Figur hin will/soll, kann ich schon mal die Wände hochgehen und verzweifeln. Ich bin noch immer ungeduldig. Meistens entspringt dieser Not irgendwann ein Geistesblitz, es fällt mir etwas ein. Bis dahin existiert viel Qual im Kopfkino. Deswegen habe ich gerne handwerkliche Tätigkeiten, wo das Gedankenkarussell zur Ruhe kommt.

Regina Fritsch (l.) mit Dörte Lyssewski in der Burgtheater-Aufführung von Sartres "Geschlossene Gesellschaft" 
- © Matthias Horn

Regina Fritsch (l.) mit Dörte Lyssewski in der Burgtheater-Aufführung von Sartres "Geschlossene Gesellschaft"

- © Matthias Horn

Derzeit sind Sie am Akademie- bzw. Burgtheater in zwei Inszenierungen zu sehen, in "Bunbury" von Oscar Wilde und in Sartres "Geschlossene Gesellschaft", wo sie die Estelle verkörpern, eine Rolle, die, wie Sie meinten, so weit weg von Ihnen ist, wie keine zuvor...

Ich liebe psychologische Figuren mit Katharsis. Sartres philosophische Konzeptfiguren entwickeln sich nicht, sie zeigen nur enge Verhaltens- und Verdrängungsmechanismen, sind relativ flach. Ich würde sie mir nicht aussuchen! Aber eigentlich bin ich ja so etwas wie eine Auftragsarbeiterin: Ich krieg etwas und schaue dann, was ich daraus machen kann.

In Karin Bergmanns Laudatio zur Verleihung des Alma-Seidler-Ringes hieß es: "Regina Fritsch verkörpert den Mythos Burgtheater. Für sie gibt es keine großen oder kleinen Rollen, wenn sie besetzt wird, setzt sie sich ein und arbeitet immer zum Besten der Inszenierung, zum Besten des Hauses." Äußern Sie nie Rollenwünsche?

Nein, ich habe festgestellt, dass es nicht immer das Beste für einen ist, was man sich wünscht. Ich bekam Rollen, wo ich mir dachte: Was soll das jetzt? Und dann hat es sich als Glück herausgestellt, Freude gemacht und war auch noch erfolgreich. Ich habe aufgehört, mir Dinge vorzunehmen und zu sagen: So muss es sein. Das macht nur eng - auf der Bühne wie im Leben.