Es ist ein Kampf des Hellen gegen das Dunkle, von Gut gegen Böse, eine Geschichte über das Erwachsenwerden eines Mädchens, in einer Welt, die von Feen beeinflusst, aber vom Königspaar regiert wird: "Dornröschen" zählt als Ballett zu den Klassikern schlechthin. Staatsballettchef Martin Schläpfer wird am Montag, 24. Oktober, seine Version als Uraufführung an der Wiener Staatsoper präsentieren. Ein Gespräch über seine Sichtweise bezüglich der Figuren, den oftmals vergessenen Zeitsprung und seine Gedanken zu Gut und Böse.

"Wiener Zeitung": Nach "Schwanensee" widmen Sie sich in der kommenden Uraufführung einem weiteren Tschaikowski-Ballettklassiker: Weshalb gerade "Dornröschen"?

Martin Schläpfer:Weil die Musik grandios ist. Wichtig ist auch das Libretto beziehungsweise die Märchenfassung. Und weil das Stück die Möglichkeit bietet, die Figuren anders zu sehen und anders zu betrachten. Was Marius Petipa (Anm.: Choreograf der Uraufführung 1890 im St. Petersburger Mariinski-Theater) und Peter I. Tschaikowski gemacht haben, ist auch nur ein Verschnitt des Märchens. Das letzte Drittel wurde nicht benutzt, denn es passte nicht ins zaristische Russland.

Ein anderer Blick auf die Figuren: Was sehen Sie in diesen?

Es gibt die klassischen Fassungen, die sich - ob russische, englische oder französische - wiederum voneinander unterscheiden. Darin ist das Hauptaugenmerk auf Dornröschen, den Prinzen, die Fliederfee und Carabosse, die böse Fee, gerichtet. Es gibt ein meistens nur herumsitzendes Königspaar, das sich auch in Bezug auf das, was mit ihrer Tochter geschieht, passiv verhält. Das geht gar nicht. Und da beginnt es schon: Im Märchen sowohl bei Perrault als auch bei den Brüdern Grimm steht gleich zu Beginn, dass sich die beiden sehnlichst ein Kind wünschten. Das ist der Ausgangspunkt der Geschichte. Aurora ist ein Einzelkind, ein absolutes Wunschkind, da reagieren Eltern bei einem Todesfluch oder bei einem 100-Jahre-Schlaf. Basierend auf diesen Gedanken führe ich die Figuren der Königin und des Königs durch das ganze Stück.

Und die böse Fee Carabosse? Wie böse ist sie in Ihrer Version tatsächlich?

Die Debatte Gut gegen Böse: Muss sie wirklich so klar gezeichnet sein? Diese Abgrenzung gibt es in den Märchen, sie ist aber in der Realität nicht zu erleben. Denn woran wir uns halten könnten, wird in einer bestimmten Gesellschaftsschicht immer diffuser. Was ich damit sagen will: Ich frage mich, ob ein Märchen mit seiner Klarheit heute noch genauso einlösbar ist. Und tatsächlich ist diese sogenannte böse Fee bei mir nicht böse. Dazu muss man wissen, dass sie die älteste Fee ist. Es gibt auch die Bezeichnung "weise Frau" in einer Version. Wenn man dann als Chefin der Weisen nicht geladen wird zur Taufe, dann kann man schon einmal zornig werden. (lacht) Lapidar gesagt. Ich möchte das nicht verpsychologisieren, aber das gibt den Figuren eine andere Patina.

Die Figur der Aurora, die vermählt werden soll, ist nicht gerade emanzipatorisch für heutige Zeiten.

Das ist es nicht, es ist eben ein Märchen. Aber es gibt auch da eine Art und Weise der Handhabung. In meinem "Rosen-Adagio" (Anm.: Es ist jene Szene, in der Aurora mit den Prinzen tanzt.) gehe ich schon zu Petipa zurück, weil es formal so brillant gelöst ist. Der König muss nicht in der Gestiksprache zu Aurora sagen, dass sie einen der Prinzen heiraten soll, sondern man kann es auch in der Schwebe halten und zeigen, dass sie sich die Kavaliere nur einmal ansehen soll. Ich bleibe schon in der Poetik, aber man kann mit großem Respekt vorgehen, indem man sie nicht umkrempelt oder einfach streicht. Man kann ihnen ja auch Humor zuschreiben. So kann man das wieder auffangen.

Martin Schläpfer vertieft in die Proben zur kommenden Premiere von "Dornröschen". - © Wr. Staatsballett / Ashley Taylor
Martin Schläpfer vertieft in die Proben zur kommenden Premiere von "Dornröschen". - © Wr. Staatsballett / Ashley Taylor

Wie sind Sie mit Tschaikowskis Partitur umgegangen:alles verworfen und neu zusammengesetzt oder eng am Original geblieben?

Es ist komplett original. Es gibt im zweiten Akt Streichungen, bevor der Prinz kommt, und ich habe dort Musik von Giacinto Scelsi eingeschoben. Er ist grandios. Daneben besteht weiter auch Tschaikowskis Grand Pas de deux. Es stellt sich eher die Frage, wie man dorthin kommt - also in Bezug auf die Inszenierung. Es ist schon das klassischste Stück, das ich je gemacht habe.

100 Jahre Schlaf: Viele Klassiker ignorieren den Zeitsprung. Wie haben Sie das gelöst?

Es geht einfach nicht, dass man die gleiche Kleidung trägt wie vor 100 Jahren. Der Butler ist nicht mehr so überkandidelt, hat keine Perücke mehr, die Kostüme der Königin und des Königs sind schlichter. Die Feen, der Hofstaat, die Katzen, der blaue Vogel sind eine Mischung, eine demokratische Utopie, wie wir sie erleben.

Sind Sie zufrieden? Ist die Arbeit so aufgegangen, wie Sie es sich vorgestellt haben?

Es nähert sich und es besteht Hoffnung. (lacht) Es ist ein Irrtum zu glauben, dass etwas besser wird, wenn man länger Zeit hat. Es ist einfach nur angenehmer. (lacht) Ich bin mir übrigens sehr bewusst, was sie vorher mit dem Frauenbild antippten. Aber es gibt immer eine Gangart, eine Lösungsmöglichkeit. Kleine Fragen sind es, die mich beschäftigen, und ich lasse sie auch manchmal absichtlich in der Schwebe. Ich möchte nicht das Original ablösen, das hat seinen Platz. Auch heute noch.