Es ist weder eine Rekonstruktion noch eine moderne Revolte: Martin Schläpfer ist für sein "Dornröschen" einen vorsichtigen Kompromiss eingegangen. Die Version des Staatsballett-Chefs und Hauschoreografen feierte am Montag in der Wiener Staatsoper eine äußerst durchwachsene Uraufführung. Durchwachsen in allen Aspekten dieser Inszenierung.

Sich dieses Ballettklassikers von Pjotr Iljitsch Tschaikowski und Marius Petipa anzunehmen, ist durchaus mutig, zählt er wohl zu den bekanntesten Werken, die sich in unterschiedlichen Versionen - von Ashton bis Nurejew - bis heute im Repertoire der großen Opernhäuser wiederfinden. Meist sind es Inszenierungen, die auf dem Original basieren. Radikale, aber nicht minder sehenswerte Neufassungen - wie etwa von Mats Ek - gibt es ebenfalls. In diesen Kanon ist nun auch Schläpfers Hybridwerk einzureihen. Einerseits wertet er nun Charaktere der Nebenrollen auf: Königin und König (Olga Esina und Masayu Kimoto) tragen nicht nur tänzerisch wesentlich zur Handlung bei, auch Catalabutte (Jackson Carroll) und Carabosse (Claudine Schoch) dürfen ihre Rollen publikumswirksamer ausleben. Dafür - und in vielen weiteren Ensemble-Szenen - setzt Schläpfer sein bezeichnendes Schrittrepertoire ein, das wohl dieses Mal, trotz des modernen Touchs, klassischer anmutet.

Ein Klassiker ganz klassisch: Der blaue Vogel getanzt von Davide Dato und Prinzessin Florine von Kiyoka Hashimoto. - © Wiener Staatsoper / Ashley Taylor
Ein Klassiker ganz klassisch: Der blaue Vogel getanzt von Davide Dato und Prinzessin Florine von Kiyoka Hashimoto. - © Wiener Staatsoper / Ashley Taylor

Bravouröse Solisten

Andererseits zitiert er aus dem Originalwerk von Petipa. Nun, dies ist an und für sich nichts Neues, doch in diesem Ausmaß irritierend: Komplette Variationen und Duette sind hier wiederzuerkennen, die dann vom Publikum mit starkem Applaus goutiert werden. Mit ein Grund für dieses Echo wird in solchen Szenen wohl ebenso das Können der Solisten sein: Tadellos in Ausdruck, Technik und auch Schönheit ist hier Aurora Hyo-Jung Kang und ihr Prinz Desiré Brendan Saye. Aber auch Davide Dato und Kiyoka Hashimoto im Klassiker Blauer Vogel und Prinzessin Florine zeigen Bravour.

Durchwachsen

Die Ersten Solotänzerinnen Olga Esina, Ioanna Avraam und Claudine Schoch haben sich Schläpfers choreografische Handschrift auf den Leib geschrieben, hingegen fehlt es dem Ensemble oft an Genauigkeit und technischer Einheitlichkeit. Ebenfalls durchwachsen: Catherine Voeffrays Kostüme wirken von manchmal treffend elegant und modern bis beinahe lächerlich, was insgesamt nicht zusammenpassen will. Ungewöhnlich auch der Einschub von Giacinto Scelsis Stück für Violine in Tschaikowskis Partitur. Wäre nur das ganze "Dornröschen" so mutig inszeniert wie dieses Intermezzo.

Das Premierenpublikum demonstrierte mehr als deutlich seine Meinung: Laute Zustimmung für die Solistinnen und Solisten des Staatsballetts und für das hervorragende Orchester unter Patrick Lange, freundlicher Applaus mit deftigen Buh-Rufen für Schläpfer.