Wie zu der Geldsumme kommen, die man für eine geförderte Wohnung erlegen muss? Betteln - oder eine erniedrigende Arbeit annehmen, bei der man gnadenlos ausgebeutet wird? Im Freien übernachten (was Lebenszeit kostet) - oder ein Asyl aufsuchen (was Geld kostet)? Als Frau dem seltsamen, vielleicht perversen Fotografen Modell stehen? Bezahlen will er. Was will er noch?

"Und jetzt entscheidest Du für mich." Die Kehle schnürt sich zu. Es ist ja nur ein Spiel.

Nur ein Theaterstück.

"Danke, dass Du auf meine Gesundheit achtest", sagt Gyula Balog, dem die Abstimmung in der Gruppe die Novembernacht im Freien erspart hat. Aber das kostet Geld...

In Budapest machen Lifeboat Unit und Stereo Akt das Problem der Obdachlosigkeit im beklemmenden interaktiven Theaterstück "Addressless" begreifbar, das sie im winzigen Örkény Stúdió zeigen. Zusammen mit dem fabelhaften Laiendarsteller Gyula Balog, der selbst Erfahrung hat mit Obdachlosigkeit agieren die professionellen Schauspieler Mária Köszegi und Zola Szabó überzeugend. Spielleiterin ist die Realleben-Sozialarbeiterin Réka Szenográdi. Die gezeigten Zustände wurden von allen Mitwirkenden recherchiert, von Gábor Fábián in eine Spielform gebracht und von Martin Boross in Szene gesetzt.

Das Publikum entscheidet

Das Publikum ist in Gruppen eingeteilt. Jede Gruppe muss entscheiden, wie sich die oder der Obdachlose in bestimmten präzise angespielten Situationen verhalten soll. Manche Entscheidungen kosten nur ("nur") das dringend benötigte Geld, andere Lebenszeit: Der Kleiderhaken an den Ständern rückt näher der Zone, wo Krankheiten beginnen.

"Warum gehen Sie nicht zur gesetzlichen Vertretung?" - "Gesetzliche Vertretung? Was ist das?", fragt Mária Köszegi. Werkvertrag? Arbeitsvertrag? Mit Tricks umgehen die Dienstgeber die Vorschriften.

Einmal muss der Würfel entscheiden - denn es ist auch eine Glücksfrage, wie der Obdachlose weiterkommt.

Wie im realen Leben

Am Schluss hat es keine der Publikumsgruppen geschafft, eine Obdachlose oder einen Obdachlosen in die Zone zu bringen, in der er eine geförderte Wohnung bekommt - weil das auch im realen Leben fast nie gelingt, erklärt Réka Szenográdi.

Die Zuschauergruppen sind bisweilen uneinig, diskutieren: Was hilft mehr? Und kommen drauf, dass jede Entscheidung, so gut sie gemeint ist, bittere Folgen nach sich ziehen kann.

Das Stück ist unsentimental und, ja: Es tut weh. Das ist gut so. Es rüttelt auf, weil man entscheiden muss;  weil der quasi Spieleinsatz Lebensumstände und Gesundheit eines Menschen sind; weil nach wenigen Minuten die schützende Distanz fällt, alles sei ja nur ein Stück. Der Abend geht an die Nieren.

Diese Produktion ist das beste, was das Theater zum Thema Obdachlosigkeit bieten kann. Wäre das für österreichische Zustände, für Zustände in Wien, adaptierbar? - Ja. Es gäbe nur einiges anzupassen. Das Konzept aber würde funktionieren. Wie in Budapest, so in jeder Stadt, in der es Obdachlose gibt.

Da ist etwas zu tun - auch und gerade für Wiener Gruppen, die engagiertes Theater machen wollen.