Der Berliner Volksbühne eilt der Ruf voraus, Seismograf für szenische Erfindungen zu sein. Seit Frank Castorf Anfang der 1990er Jahre die Bühne am Rosa-Luxemburg-Platz in ein Theaterlabor verwandelte, steht die Bühne für Exzess und Überwältigung, für Spaß und Spektakel. Auf Hochtouren lief das Unternehmen immer dann, wenn möglichst unterschiedliche künstlerische Temperamente am Werk waren - siehe: Marthaler und Schlingensief.

An dieses Erfolgskonzept knüpft der gegenwärtige Volksbühnen-Chef René Pollesch neuerlich an. Wobei seine prominentesten Mitstreiterinnen, die dem Haus überdies die größten Erfolge bescheren, allesamt aus Österreich kommen: Choreografin Florentina Holzinger, 36, aus Wien, Musikkuratorin Marlene Engel, 38, aus Krems und Hausautorin Lydia Haider, 37, aus Steyr. Das Frauen-Trio erobert trotz harter Konkurrenz die Berliner Theaterwelt. Wie gelingt ihnen das bloß?

Etwas härter geht immer

Ein gewisser Größenwahn, verbunden mit opulent-kostspieligen Bühnenbildern, all das beanspruchte in der Volksbühne lange Zeit Intendant Castorf selbst - für seine mehrstündigen Bühnenexerzitien wurden sogar Tiere, Autos und Panzer angekarrt.

2022 könnte Florentina Holzingers Bühnenbild das aufwendigste der Saison werden: Nikola Knežević hat für "Ophelia’s Got Talent" eine Szenerie aus mehreren Wasserbecken und durchsichtigen Schwimmbassins entworfen, zu guter Letzt schwebt ein Helikopter vom Bühnenhimmel. In dieser fantastischen Wasserlandschaft gelingen Holzinger und ihrem Frauen-Ensemble starke Bilder, die man so schnell nicht vergisst - etwa wenn die Performerinnen den Helikopter erklimmen und in einem furiosen Hexenritt das Fluggerät gewissermaßen orgiastisch in Besitz nehmen.

Die dreistündige Aufführung folgt der vertrauten Holzinger-Dramaturgie: Die revueartige Aufführung setzt sich aus einer Reihe an lose miteinander verbundenen Miniatur-Spektakeln zusammen. Nach dem Vorbild der TV-Talente-Suche treten zunächst eine Schwertschluckerin (Fibi Eyewalker) und eine Entfesselungskünstlerin (Netti Nüganen) auf, auch Florentina Holzinger schont sich nicht, beißt sich nur mit ihren Zähnen an einem Seil fest und baumelt minutenlang über dem Bühnenboden - diese Acts verdeutlichen einmal mehr Holzingers Passion für Zirkus und Akrobatik. Xana Novais bohrt sich auf offener Bühne einen Angelhaken durch die Wange, eine andere Performerin wird vor aller Augen tätowiert und die fulminante kleinwüchsige Schauspielerin Saioa Alvarez Ruiz spiegelt wiederum Holzingers Neigung zu Darbietungen jenseits des Bühnenalltags. Etwas härter geht’s immer noch.

"Ophelia’s got Talent" ist aber mehr als nur ein Kuriositätenkabinett, die Aufführung lotet humorvoll das kulturhistorische Phänomen von Frauen unter Wasser aus. Die Kulturgeschichte ist voll mit Nixen, Undinen, Sirenen und deren männlichen Widersachern, Angler, Piraten, Seefahrer. Im Holzinger-Universum lösen diese Rollenbilder ihre fest umrissenen Konturen auf, werden fluid. Codes aus Hoch- wie Populärkultur werden dabei lustvoll verkehrt: Statt ätherischer Nixen stampfen hier Frauen, bekleidet nur mit einer Seemannsmütze, breitbeinig herum und grölen: "What shall we do with the drunken sailor?" Ein Heidenspaß.

Übrigens ist das Wiener Tanzquartier Koproduktionspartner bei "Ophelia’s Got Talent", geplant war die Wien-Premiere für April 2023. Allerdings wurde offenbar übersehen, dass da bereits längst das Theater an der Wien die große Halle E als Ausweichquartier bezogen hat. In die weitaus kleinere Halle G lässt sich der Holzinger-Abend nicht quetschen. Recherchen der "Wiener Zeitung" ergaben, dass das Tanzquartier bisher noch keine Alternative aufgetrieben hat, vermutlich wird "Ophelia’s Got Talent" erst im Herbst 2023 zu sehen sein.

Derweil genießt Holzingers Nixen-Sabbat in Berlin nahezu Kultstatus - die Aufführungen sind regelmäßig bis auf den letzten Platz ausverkauft, am Ende Standing Ovations und eine ausgelassene Stimmung wie bei einem Pop-Konzert.

Die feministische Neudeutung eines im Kommerz versenkten Genres, darf man sich wohl auch von "Hyäne Fischer – Das totale Musical" erwarten. Die Helene-Fischer-Persiflage wird am 10. November in der Berliner Volksbühne uraufgeführt. Brachialautorin Lydia Haider verfasste das Libretto, die Musik stammt von der österreichischen Klangtüftlerin Eva Jantschitsch alias Gustav, die künstlerische Leitung obliegt Marlene Engel.

Über Jahre hinweg prägte Engel die heimische Clubkultur, war Kuratorin beim Donaufestival und hat der wenig geglückten Festwochen-Intendanz von Thomas Zierhofer-Kin mit dem Club-Format "Hyperreality" immerhin zu einem Geheimtipp-Erfolg verholfen. Unmittelbar nach ihrem Festwochen-Aus wurde Engel nach Berlin engagiert.

Wer etwas davon mitbekommen will, wie eine Künstlerinnen-Generation aus Österreich sich daran macht, die Theaterwelt neu zu sortieren, muss dieser Tage nach Berlin fahren. Warum die Wiener Bühnen diesen Aufbruch verschlafen, bleibt offen.