Noblesse oblige. Kaum jemand hauchte diesem geflügelten Wort mehr Leben ein als Lotte Tobisch von Labotýn. Der Adel, dem sie sich verpflichtet fühlte, hat aber kaum etwas mit blauem Blut zu tun. Unter ihren Vorfahren befanden sich keine Grafen oder Herzöge oder gar Könige. Ihre Vornehmheit hat mit einer Art Herzensbildung zu tun. Die bekommt man nicht vererbt, die muss man sich erarbeiten. Ebendas hat Lotte Tobisch getan. Bis ins hohe Alter blieb sie lernwillig und aufgeschlossen.

In die Wiege gelegt war ihr das nicht. Die Familien ihrer Eltern gehörten dem niederen Adel an. Sie entstammte somit einer Gesellschaftsschicht, in der konservative Werte wie bestimmte Umgangsformen zum guten Ton gehören, nicht aber Hilfsbereitschaft. Lotte Tobischs Leben ist jedoch bei aller Haltung davon gekennzeichnet, auf Menschen zuzugehen. Sie wollte keinesfalls - wie in diesen Kreisen üblich - entre nous bleiben, sondern suchte den Kontakt zu Menschen jeglicher Herkunft. Standesdünkel kannte sie nicht. Ihre Beliebtheit bei der Bevölkerung hatte sie nicht ihren Manieren zu verdanken, sondern ihrer durch Taten beglaubigten Absicht, ihre Talente für andere einzusetzen. Es war ihre Form der Rebellion gegen die Welt, aus der sie kam, die sie zur österreichischen Königin der Herzen werden ließ.

Doch selbstverständlich war die Erziehung zur "höheren Tochter" für sie prägend gewesen. Die Salondame, die Lotte Tobisch oft am Theater verkörpert hatte, beherrschte sie perfekt. Wie eine Fürstin wusste sie stets, Distance zu wahren. Als Paraderolle ihrer Schauspielkarriere kann die Kaiserin Maria Theresia gelten, die sie 1956 im Alter von dreißig im Stück "Der junge Baron Neuhaus" von Stefan Kamare am Volkstheater gab. Unter Gustav Mankers Regie konnte sie in der Rolle der strengen, aber gerechten Landesherrin restlos überzeugen.

Sie vermochte es, allem Menschlichen, auch dem allzu Menschlichen, Würde zu verleihen. Direktor des Theaters war damals übrigens Leon Epp. Dessen Ehefrau Elisabeth sollte ihr viele Jahre später zu der für sie vielleicht wichtigsten Rolle im wirklichen Leben verhelfen.

Angefangen hat das "Lotterl", wie ihre Mutter sie nannte, aber keineswegs damenhaft. Als Kind war sie mehr das, was man in ihren Kreisen als Wildfang bezeichnet. Im Gespräch mit Michaela Spiegel sagte sie: "Ich war ein kleinerer Albtraum für meine Mutter." Das lag zum einen daran, dass Nora Tobisch selbst noch ein Mädchen war, als sie Lotte am 28. März 1926 zur Welt brachte, zum anderen daran, dass ihre Mutter zeitlebens in den Konventionen der Welt um 1900 verfangen blieb.

Die kleine Lotte fühlte sich in einem goldenen Käfig, aus dem sie von Kindesbeinen an entfliehen wollte. Sie war ein lebhaftes und waches Kind, das den Widerstreit zwischen der Welt von Gestern, der ihre Familie verhaftet war, und der Moderne, die sich in ihrer Lebenszeit Bahn brach, witterte. Nach dem Tod des Liebespartners ihres Lebens wurden die "Roaring Sixties" für Lotte Tobisch zu einer Zeit, in der sie durch Freundschaften mit großen Gelehrten Anschluss an die neue Zeit fand.

Den Mann, von dem sie sagte, dass er das Glück ihres Lebens gewesen sei, hätte ihr Vater sein können. Der um 37 Jahre ältere Erhard Buschbeck war Dramaturg am Burgtheater, als sie ihn als Teenager zu Kriegsende kennenlernte. Sie war damals Schauspielschülerin. Die knapp 13 Jahre, die sie dann mit der grauen Eminenz des Burgtheaters verbrachte, stellten für sie jenes Kapital dar, das sie mit Fröhlichkeit durchs Leben trug. Doch wie die Liebesbeziehung zwischen Romeo und Julia, mit der Kammerschauspieler Fred Hennings jene von Lotte und Erhard verglich, endete auch diese tragisch.

Als Erhard Buschbeck im September 1960 im Alter von 71 verstarb, war sie untröstlich. Sie kehrte danach ans Burgtheater zurück, das sie 1948 wegen der Liebesbeziehung verlassen hatte, doch die Schauspielerei hatte für sie nun nicht mehr dieselbe Bedeutung wie zuvor. Ins Leben zurückzufinden half ihr dann Dagobert, ein Boxerrüde, den sie geschenkt bekam. In der gesellschaftlichen Aufbruchszeit der Sechzigerjahre spielte sie am Theater dann oft die Salondame. Mit diesem Rollenfach einher geht gemeinhin eine gewisse Unnahbarkeit - jedenfalls in erotischer Hinsicht.

Früh emanzipiert

In ihrer großen Trauer hätte sich Lotte Tobisch kaum vorstellen können, sich nochmals auf einen Mann einzulassen. Doch dann lernte sie in ihrer Eigenschaft als Betriebsrätin des Burgtheaters den israelischen Botschafter in Wien, Michael Simon, kennen. Wieder wurde die Liebesbeziehung zur Skandalgeschichte, denn wie Erhard Buschbeck war auch Michael Simon nicht nur deutlich älter als sie, sondern verheiratet und hatte Kinder.

Lotte Tobisch, 1954. - © Votava / brandstaetter images / picturedesk.com
Lotte Tobisch, 1954. - © Votava / brandstaetter images / picturedesk.com

Ihre Mutter und die übrige Familie fanden es erneut mehr als unziemlich, dass sie ihren Gefühlen folgte und nicht einmal Wert darauf legte, dass sich die Männer scheiden ließen, um sie zu heiraten. Im Gegensatz zu dem Milieu, dem sie entstammte, war Lotte Tobisch die Legitimität ihrer Liaison nicht wichtig. Dazu war sie längst zu selbstbewusst und unkonventionell.

In reiferen Jahren hat Lotte Tobisch stets betont, bereits emanzipiert gewesen zu sein, als von "Emanzen" noch keine Rede war. Daraus den Schluss zu ziehen, dass Männer in ihrem Leben eine untergeordnete Rolle gespielt hätten, wäre allerdings verfehlt. Die Liebe hielt sie für das Wichtigste in ihrem Leben. Und da sie nicht nur eine belesene, sondern auch attraktive Frau war, gab es eine Menge Männer, die sich um sie bemühten. Dazu zählten so bedeutende Intellektuelle des 20. Jahrhunderts wie Theodor W. Adorno, Elias Canetti oder Ger-shom Scholem. Doch von ihren beiden Lebensgefährten abgesehen, wusste sie Männer stets auf freundschaftliche Distanz zu halten.

Die Lady musste sie nicht spielen, die war sie. Auf der Bühne hatte das den Nachteil, dass Theaterdirektoren und Regisseure nicht so recht an ihre Wandlungsfähigkeit glaubten. Das Rollenfach der jungen Naiven oder der Intrigantin trauten sie ihr kaum zu. Lotte Tobisch war klug genug, die Grenzen ihrer Schauspielkunst zu kennen. Sie wusste, dass sie keine große Tragödin war. Als man sie deshalb mit der Organisation des Opernballs betraute, fiel es ihr nicht sonderlich schwer, die Bühnenkostüme an den Nagel zu hängen und in die Ballrobe zu schlüpfen.

Beworben hat sie sich für jene Tätigkeit, mit der sie internationale Berühmtheit erlangte, allerdings nicht. In vielen Interviews betonte sie, als "Opernball-Lady" eigentlich eine Fehlbesetzung zu sein, da sie weder tanze noch Alkohol trinke noch gern an Massenveranstaltungen teilnehme. Vielleicht aber war sie gerade deshalb in dieser Funktion eine Idealbesetzung. Die "Ballmutter" spielte sie mit großem Engagement, mit strenger Disziplin, zugleich aber mit Selbstironie.

Sie konnte in dieser Stellung ihr Organisationstalent ausleben, ihre Grandezza zur Geltung bringen, ihre soziale Kompetenz unter Beweis stellen, mit ihrer Schlagfertigkeit punkten und nicht zuletzt ihren Humor entfalten. Sie nahm, wie sie immer wieder betonte, die Aufgabe ernst, nicht jedoch das Bundesfaschingsfest an sich. Ihr Freund Günther Anders bezeichnete sie einmal als "immer strahlend" und fragte erstaunt: "Wie macht sie das? Sie ist doch eine intelligente Person!"

Dieses Aperçu beschreibt gut, wie Lotte Tobisch 15 Jahre lang den Opernball (1981 bis 1995) leitete: mit Respekt vor den Erwartungen der Menschen, aber ohne Rücksichtnahme auf persönliche Befindlichkeiten.

Ihr Lebensweg ist geprägt davon, Welten in sich zu versöhnen. Sie pflegte Traditionen, hing aber nicht an Konventionen, wie der ehemalige Burgtheater-Direktor Achim Benning sie charakterisierte. Als Opernballorganisatorin bestand sie etwa auf dem Frackzwang, führte aber bereits im ersten Jahr ihrer Leitung eine Disco ein. Sie selbst hatte mit Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll nicht viel am Hut, aber sie nahm keinerlei Anstoß an einer Jugend, deren Lebensgefühl das war.

"Lotte for President"

Als sie in fortgeschrittenem Alter noch mit Vergnügen am Life Ball teilnahm, gab sie nicht die Dragqueen, sondern erschien dort in einem im Vergleich zu den anderen Gästen damenhaften Rock. Eine Ausnahme machte sie nur insofern, als sie statt der für sie typischen Aufsteckfrisur das Haar offen trug. Als nach dem Auftritt beim Life Ball aus ihrer Familie der Ruf "Lotte for President" erschallte, war das eine späte Genugtuung für sie und eine Art Versöhnung mit ihrer Verwandtschaft. Wäre sie damals noch etwas jünger gewesen, hätte sie sich vielleicht sogar überreden lassen zu kandidieren.

Vermutlich aber war das Amt, zu dem ihr Elisabeth Epp verholfen hatte und das sie im letzten Vierteljahrhundert ihres Lebens (1995 bis 2019) souverän und erfolgreich ausübte, ihre eigentliche Berufung: Als Präsidentin des Vereins "Künstler helfen Künstlern", der das Hilde-Wagener-Heim in Baden bei Wien betreibt, konnte sie ihre integrative Persönlichkeit voll entfalten.

Lotte Tobisch bei ihrem letzten Opernball am 28. Februar 2019 in der Wiener Staatsoper. 
- © APA / HELMUT FOHRINGER

Lotte Tobisch bei ihrem letzten Opernball am 28. Februar 2019 in der Wiener Staatsoper.

- © APA / HELMUT FOHRINGER

In dieser Funktion konnte sie sowohl ihrem Bedürfnis frönen, im Rampenlicht zu stehen, als auch jenem, für Menschen da zu sein. Die Kombination von Gesellschaftsdame und Sozialhelferin verkörperte sie in unnachahmlicher Weise. Mit Charme und Charisma gelang es ihr, für das Künstlerheim so viel Spendengelder aufzutreiben, dass es renoviert werden konnte und heute ein beliebter Alterssitz von Künstlerinnen und Künstlern diverser Sparten ist.

Es scheint, als hätte Lotte Tobischs Spagat zwischen der Aufgeschlossenheit allem Neuen gegenüber und dem anerzogenen Traditionsbewusstsein ihre Faszination ausgemacht - nicht nur bei Gelehrten, sondern auch bei einem nicht geringen Teil der Bevölkerung. Ihr "hoffnungsloser Radikalismus der Mitte" (© Ernst Krenek) zieht sich durch die sieben Leben der Lotte Tobisch (die - notabene - mehr Hunde- als Katzenfreundin war).