Der Vorhang im Akademietheater sieht an diesem Abend anders aus. Er ist eine riesige Regenbogenfahne. Das stimmt schon gut ein auf die Premiere von Tony Kushners "Engel in Amerika", war dieses Stück doch 1991 eine wuchtige Pioniertat. Nicht nur bekamen Homosexuelle eine zeitgemäße Stimme auf der Bühne, das Stück war auch immens erfolgreich und seine Breitenwirksamkeit zeigt auch, dass es zu einer TV-Miniserie mit Meryl Streep und Al Pacino verarbeitet wurde. 

Mit seinen drei verwobenen Handlungssträngen würde sich "Engel in Amerika" auch heute noch tadellos für eine Netflix-Produktion eignen. Vielleicht aber nicht unbedingt in jener Camp-Variante, in der es Daniel Kramer im Akademietheater inszeniert.

"Angels in America" erzählt die Schicksale von vier Männern, die jeweils auch miteinander verbunden sind. Da ist Prior, der gerade festgestellt hat, dass er die ersten Anzeichen der letzten Phase von Aids hat - Kaposi-Sarkom, der Körper beginnt sich aufzulösen. Da ist Louis, sein Freund, der nicht mit dem Sterben seines Geliebten umgehen kann und ihn lieber im Stich lässt. Da ist der republikanische Mormone Joe (trefflich leidend: Felix Rech), der sich seine sexuelle Neigung nicht eingestehen will - erst als seine tablettensüchtige Frau ihn dazu zwingt. Und da ist Roy, ein korrupter, kommunistenjagender Rechtsanwalt, auch er ist HIV-positiv. 

"Strafe Gottes"

HIV war in den 80ern in der Reagan-USA ein Stigma, denn es war die sogenannte "Schwulenseuche", die Krankheit war für fundamentale Konservative klar eine Strafe Gottes für "unnormale" Sexualität, für schmutziges Verhalten. Das greift die Inszenierung auf und führt es weiter, in dem die Kaposi-Sarkom-Läsionen hier den rosa Winkeln nachempfunden sind, die  homosexuelle Häftlinge in den NS-Konzentrationslagern tragen mussten. Dazu kam für Betroffene die Isolation, weil vielen, selbst Angehörigen, nicht klar war, wie man sich infiziert. So ergeht es Prior, zu dem gerade noch sein Drag-Queen-Kollege Belize ins Spital kommt - weil er Krankenpfleger ist und entsprechend informiert. Roy wiederum will mit allen Mitteln verhindern, dass es so weit kommt, denn den gesellschaftlichen Tod kann er sich als Machtmensch noch weniger leisten als den echten Tod. Seine Verweigerung der Wahrheit - offiziell stirbt er an Leberkrebs - wird wohl noch einige Sexualpartner das Leben kosten.

Markus Scheumann gibt den Anwalt im Akademietheater erst parodistisch, als er mit vier großen Handys jongliert, gegen Ende wird er zum Bademantelschwingenden Nosferatu, dem Ethel Rosenberg (Barbara Petritsch mit Elekrischer-Stuhl-Frisur) erscheint. Roy hatte sich zuvor gebrüstet, mit illegalen Absprachen dafür gesorgt zu haben, dass Rosenberg - angeklagt der Spionage für die Sowjetunion - auch wirklich exekutiert wurde. 

Halluzinationen hat auch Harper (Annamária Lang), Joes unbefriedigte Frau - sie unterhält sich zum Beispiel mit einer personifizierten Valium-Pille (Bless Amada). Auch Prior erscheint jemand - oder etwas. Erst hört er den Engel nur, am Ende wird die Gestalt, die irgendetwas prophezeit, das nicht wirklich greifbar, aber auch keine Apokalypse ist, auch sichtbar (Safira Robens in blutigen weißen Stoffbahnen).

Patrick Güldenbergs Prior geht mit einem bemerkenswerten Anteil an Witz auf seinen Leidensweg, vor allem in seinen Momenten im Drag-Kostüm "Sterbender Schwan", als er sich zum Beispiel als Kadaverette bezeichnet. Wenn er nur kurz danach in einem Glaskasten im eigenen Dreck vegetiert, hallt der Gag bitter nach. Insgesamt sind die Dialoge in "Engel in Amerika" mitunter von Schalk getragen, der von Galgenhumor zu Selbstironie changiert. Dass letztere auch zu übertriebenem Selbstmitleid führen kann, zeigt ein fast eskalierendes Gespräch zwischen Louis (Nils Strunk) und dem schwarzen Belize, in dem sich der jüdische Louis immer mehr in rassistischen Äußerungen verheddert - ein kleiner Nukleus der Aktualität in einer sonst ziemlich datierten Inszenierung.

Pailletten und Gothic

Die Drag-Kultur, in den 80ern in New York in der sogenannten Ballroomszene als Kunstform zelebriert, spielt hier etwa eine wichtige Rolle. Nicht nur erinnert die Musik an zeittypische Clubs, Bless Amada darf als Belize auch besonders schillernde Outfits tragen, aber auch Priors Gothic Diva in schwarzem Tüll mit Kugel-Kopfputz bleibt in Erinnerung (Kostüme: Shalva Nikvashvili). Das Bühnenbild von Annette Murschetz arbeitet gewitzt mit Kisten, die auf den ersten Blick wie eine Sarg-Armada wirkten, aber auch Show-Spiegel, Bar und Ehebett sein können. Aber eben auch Särge. Bald schwebt über allem auch ein rosa euterförmiger Riesenballon, der wohl ein Virus andeuten soll.

Die 195 Minuten der Aufführung geraten Daniel Kramer kurzweilig mit nicht wenigen Schauwerten, die kleinen Dramen, die im großen Gesellschaftsunheil eingeschrieben sind, werden einfühlsam herausgearbeitet. Das schlagende Argument, warum Kushners Stück heute ein moderner Klassiker sein soll, bleibt diese Inszenierung dann aber doch schuldig.