"Keine Krise der Welt darf unsere Theater umbringen", sagte Burgtheater-Doyenne Elisabeth Orth in ihrer Dankesrede, nachdem ihr per Online-Schaltung der Nestroy fürs Lebenswerk übergeben wurde. Von Krisen und Katastrophen war bei der 23. Nestroy-Gala, die am Sonntagabend in den Dekorationswerkstätten der Art for Art im Arsenal über die Bühne gegangen ist, noch häufig die Rede.

Schauspieler Stefano Bernardin, der den Preis für den besten männlichen Nachwuchs an Burg-Schauspieler Felix Kammerer (27) überreichte, trat mit einem T-Shirt für Frauenrechte im Iran auf und rief zur Iran-Demo am 17. November auf; zum besten weiblichen Nachwuchs wurde übrigens Regisseurin Rieke Süßkow gekürt. Auch Regisseur Noam Brusilovsky nützte das Podium für einen gesellschaftspolitischen Aufruf: Sein Projekt "Nicht sehen" erhielt den Spezialpreis, in der Stückentwicklung am Stadttheater Klagenfurt ging es um Franz Wurst, der als Primar der heilpädagogischen Abteilung des Landeskrankenhauses Klagenfurt jahrzehntelang seine Schutzbefohlenen missbrauchte. Brusilovsky sagte: "Dieser Preis gehört allen Opfern heilpädagogischer Gewalt." Die Kulturpolitik stand wiederum bei Grischka Voss am Prüfstand, die Schauspielerin übergab den Preis für die beste Off-Produktion an das Debütstück des Herminentheaters "Ein bescheidenerer Vorschlag". Voss forderte faire Arbeitsbedingungen und faire Bezahlung für die freie Szene.

Nach 50 "kann's richtig abgehen"

Freilich wurden nicht nur Probleme gewälzt – die von den ORF-Moderatoren Nadja Bernhard und Peter Fässlacher moderierte Veranstaltungen bot auch ausreichend Gelegenheit, um sich bei launigen Show-Einlagen zu amüsieren: Stefanie Reinsperger, Florian Teichtmeister, Roland Koch und Michael Maertens sorgten für gute Laune. Auch ein Song aus dem Jandl-Abend "humanistää" wurde zum Besten gegeben.
Überhaupt war die Volkstheater-Produktion "humanistää" der Abräumer des Abends: Regisseurin Claudia Bauer wurde mit dem Nestroy für die beste Regie und auch für die beste deutschsprachige Aufführung ausgezeichnet. "Bis ich 50 wurde, bekam ich gar keinen Preis - und habe trotzdem weitergemacht", so Claudia Bauer in ihrer Dankesrede. "An alle Menschen, die bis 50 keinen Preis gewonnen haben: Es kann danach richtig abgehen!". Als bester Schauspieler wurde Samouil Stoyanov für seine Leistungen in "humanistää" ausgezeichnet.

Auch der Nestroy für die beste Nebenrolle ging an das Volkstheater: Elias Eilinghoff wurde für seine Rollen in "Karoline und Kasimir - Noli me tangere" von Natur Theater of Oklahoma prämiiert. Zu den emotionalen Höhepunkten der dreistündigen Gala, die zeitversetzt auf ORF III übertragen wurde, zählte der Dramatiker-Preis für Lisa Wentz Debüt "Adern", von David Bösch im Akademietheater uraufgeführt. Die Autorin freute sich sichtlich, bedankte sich überschwänglich und wandte sich auch an ihre Oma, ohne die es "Adern" nicht geben würde. Noch ein zweiter Preis ging an "Adern": Sarah Viktoria Frick wurde für ihre Darstellung der Aloisia zur besten Schauspielerin gekürt.

Der Nestroy für die Ausstattung ging an Peter Baur (Bühne) und Jonas Link (Video) für "Die Schwerkraft der Verhältnisse". Anita Vulesicas "Garland"-Uraufführung im Schauspielhaus Graz wurde als beste Bundesländeraufführung prämiiert. Die Regisseurin rief dazu auf, wenn es sein muss, Regeln zu brechen, auch am Theater: "Das ist unser Ansporn, um weiterzumachen!"