In Wien ist Tobias Kratzer ein Neuling - mit Österreich aber durch gute Erinnerungen verbunden. Eine stammt schon aus der Kindheit: Kratzer, 1980 in Bayern geboren und damit im Einstrahlungsgebiet des ORF aufgewachsen, ist in Gesellschaft der Gans Mimi und ihrer Freunde aus "Am dam des" groß geworden. Am Beginn der Berufslaufbahn erwies sich Österreich abermals als erfreuliches Terrain: 2008 erhielt Kratzer für seine "Rigoletto"-Regie in Graz den "ring.award" - eine Auszeichnung, die ihm half, sich die Operntüren Europas zu öffnen. Ein Highlight seiner bisherigen Bühnentätigkeit: Seine "Tannhäuser"-Regie, die 2019 beim berüchtigt kritischen Publikum in Bayreuth auf Zustimmung stieß.

Klima der Verunsicherung

Dieser Tage ist Kratzer nun am Theater an der Wien tätig, richtiger gesagt im Museumsquartier, dem Ausweichspielort des derzeit im Umbau befindlichen Opernhauses. Kratzer inszeniert dort Rossinis "La gazza ladra", besser bekannt unter ihrem deutschen Titel "Die diebische Elster", Premiere ist am heutigen Mittwoch. Grundsätzliche Frage an den 42-Jährigen: Ist es heikel, in der Halle E Oper zu inszenieren? "Gar nicht so. Der Vorteil gegenüber dem Theater an der Wien ist, dass man in puncto Sichtachsen viel besser aufgestellt ist; es gibt keine Logenplätze mit schlechter Sicht. Der Nachteil besteht dafür darin, dass wir keine Bühnenversenkung haben, Obermaschinerie und Seitenbühnen."

Und wie wird Kratzer "La gazza ladra" anlegen? Das Stück, in dem ein hübsches Dienstmädchen etliche Wirren befeuert und wegen Diebstahls fälschlich zum Tod verurteilt wird (der echte Täter steht im Titel), ist eine sogenannte Opera semiseria - halbernst, halblustig. Kratzer sieht den Dreistünder eher düster: "Für mich ist es eine Tragödie, die trotzdem ein Happy End hat. Ein paar Figuren sind humorvoll angelegt, aber ich versuche, ihnen eine ernste Dimension zu verleihen." Es gehe um Differenzierung, um Charaktere mit Tiefe: "Ein gesundes Mischverhältnis besteht darin, dass man über eine ernste Figur auch lachen kann. Umgekehrt kann eine Figur nur witzig sein, wenn sie eine existenzielle Not in sich trägt und auf Widerstände stößt."

Kratzer will die Oper werktreu erzählen: "Die Elster bleibt eine Elster, sie verwandelt sich nicht in einen Schaufelradbagger." Gleichwohl lässt er die Turbulenzen rund um die fesche Ninetta (Nino Machaidze) nicht am Originalschauplatz stattfinden, also im Frankreich Anfang des 19. Jahrhunderts, sondern in einer nicht näher definierten Gegenwart auf dem Land. Die Bühne soll dabei das Gefühl vermitteln, "dass hier ein politischer Wechsel stattgefunden hat, vielleicht ein Bürgerkrieg, man spürt Verunsicherung."

Warum will Kratzer ein solches Gesellschaftsklima inszenieren? Weil er es mit dem Stück historisch verbunden sieht: "‚La gazza ladra‘ ist direkt nach den napoleonischen Kriegen entstanden und in dieser Epoche angesiedelt. Die damaligen Umbrüche hatten in der Gesellschaft Verunsicherung zur Folge: Wer ist Herrscher, welches Rechtssystem gilt? In dem Stück wird der Diebstahl eines Silberlöffels mit der Todesstrafe geahndet: drakonisch! Die Übersteigerung hatte wohl den Zweck, dass die Zeitgenossen mit der Realität besser zurechtkommen." Das Stück beginne als harmlose Dorfgeschichte und verwandle sich in ein Seismogramm für die politischen Erschütterungen der Zeit.

Bemerkenswert, "fast "kafkaesk" ist für Kratzer dabei der Auftritt des Gerichts: "Erst spricht es so ein scharfes Urteil, dann ist es plötzlich verschwunden - und niemand mehr da, der den Urteilsspruch widerrufen könnte." Die Ursache dafür sei ein Prinzip, das Anfang des 19. Jahrhunderts noch ziemlich neu gewesen sein dürfte: "Was einmal angestoßen wurde, lässt sich nicht mehr aufhalten, weil die Entscheidungen nicht mehr an einer klar zuordenbaren Person hängen, sondern an einem Konglomerat von Verantwortlichkeiten." Dieser Mechanismus ist bis heute unvermindert aktuell - und ziehe immer wieder verheerende Wirkungen nach sich, meint Kratzer. "So schön es ist, dass der Absolutismus abgeschafft ist - es gibt dadurch nicht mehr jenen Herrscher der Gnade, der plötzlich als Retter vortreten kann."