Ob es in Zeiten des Publikumsschwunds ratsam ist, einen zugkräftigen deutschen Opernnamen hinter seinem italienischen Originaltitel zu verstecken, ist zwar allgemein zu bezweifeln. Das Theater an der Wien, das seit Mittwoch Rossinis "La gazza ladra" zeigt, also "Die diebische Elster", muss sich über solche Belange aber wohl noch nicht den Kopf zerbrechen. Immerhin ist die Intendanz von Stefan Herheim erst zwei Monate alt und der Reiz des Neuen damit noch nicht verpufft: Die rund 2.000 Plätze der Halle E im Museumsquartier, Refugium des Hauses bis zum Ende der Generalsanierung 2024, waren am Mittwoch weitgehend besetzt, die hiesigen Kulturprominenzen gefühltermaßen vollzählig präsent.

Fraglich allerdings, ob auch die Folgevorstellungen so gut besucht sein werden. Regisseur Tobias Kratzer beginnt seine "Diebische Elster" zwar stark und beendet sie witzig. Dazwischen klaffen aber viele flügellahme Minuten.

Sicher: Es hat anfangs einen beklemmenden Effekt, dass er die Geschichte aus einem Dorf knapp nach 1800 in eine Gemeinde der Gegenwart verfrachtet hat - in eine Jetztzeit, in der augenscheinlich ein Bürgerkrieg stattgefunden hat und weiterhin Gefahr durch marodierende Krieger droht. Wenn der Trommelwirbel der Ouvertüre erschallt, ahnt eine Bäuerin nicht von ungefähr Übles: Schon Sekunden später steht ein wildfremder Soldat vor ihr und scheint sich an ihr vergehen zu wollen, unterlässt es gottlob aber: starker Tobak. Kratzers Ansatz hilft, die düsteren Momente dieser "Opera semiseria" hervorzuheben, macht auch einen Knackpunkt des Librettos plausibler: Dass der Diebstahl eines Silberlöffels mit dem Tod geahndet wird, wie es hier der unschuldigen Ninetta blüht, scheint zumindest in Kriegszeiten nicht ganz undenkbar.

Den wahren Löffeldieb setzt die Regie zugleich pfiffig in Szene: Drohnenvideos auf einer Leinwand (Manuel Braun, Jonas Dahl) zeigen die Beutezüge der Elster aus der Vogelperspektive. Auf der Bühne (Rainer Sellmaier) prangt vor allem ein zweistöckiges Gebäude, unten ausgestattet mit Schuppen, Garage, Küche, oben mit einem Heuschober. Ein unglamouröses Dorfvolk geht ein und aus, trägt Trainingsanzug, Baustellenkleidung und 80er-Jahre-Pullover. Nur der Bürgermeister ist aus dem Ei gepellt: Er rollt, ein Lacher!, im feinen Mercedes an und buhlt elegant, doch patschert um Ninetta.

Viel zu viele Noten

Stimmt zwar: Bis zur Pause gelingt in diesem Setting eine Regie, die eine Mitte zwischen Tragik und (sanfter) Komödiantik findet. Doch der Ideenstrom des Beginns dünnt allmählich aus: Nach der Pause wird der Plot ohne viele Pointen-Novitäten fertigerzählt.

Dass dabei Längen auftreten, ist auch der Musik geschuldet. Mut zum Rotstift hätte dem Abend gutgetan. Sicher: Rossinis Koloraturen lassen hie und da staunen (sie stumpfen das Ohr aber auch ab), und die legendäre Ouvertüre ist ein Selbstläufer. Doch das sind lediglich Momente. Was diese Partitur dominiert, ist ein Wust an verwechselbaren Arien und Duetten, die den Abend noch ausführlicher wirken lassen, als er es mit seinen 3 Stunden, 40 Minuten ohnedies ist. Zudem: Der Mann am Pult, Antonio Fogliani, musiziert mit dem RSO Wien und dem Schönberg Chor zwar ordentlich, aber nicht animierend genug, um die Schwächen der Partitur zu überspielen.

Dafür trumpfen die Sänger mit Stimmkraft auf: Nino Machaidze neigt als Ninetta zwar zu einem schroffen Timbre, singt aber an keiner Note vorbei. Paolo Bordogna artikuliert ihren Vater Fernando etwas stimmsteif, aber mit einer Posaunen-Wucht, während Maxim Mironov als Liebhaber Giannetto ein edelherbes Timbre zum Einsatz bringt. Herausragend: Nahuel Di Pierro (Bürgermeister), weil er sowohl Bärenkräfte wie auch ein geschmeidiges Legato besitzt, sowie Marina de Liso (Lucia) mit ihrem strahlenden Mezzo.

Letztendlich dann noch zwei Regiepointen: Die Elster gibt den Löffel ab, und zwar buchstäblich und in einem sprichwörtlichen Sinn, nämlich durch einen Pistolenschuss. Danach erwacht sie erneut zum Leben und flattert ins Kunsthistorische Museum, wo sie zu guter Letzt ausgerechnet auf die Saliera fliegt. Dennoch: Der Beifall für die Regie plätschert dann so sanft dahin, wie diese die zweite Opernhälfte gestaltet hatte.