Wien tut sich bekanntlich schwer mit Thomas Bernhard. Inzwischen freilich aus anderen Gründen wie anno dazumal, als der 1989 verstorbene Schriftsteller zum Bürgerschreck und "Nestbeschmutzer" erklärt wurde. Mittlerweile zweifelt niemand mehr daran, dass Bernhard zu den bedeutendsten Autoren dieses Landes zählt. Die Rezeption an den Wiener Bühnen hat sich indes noch nicht ganz aus dem Schatten der stilprägenden Bernhard-Uraufführungen Claus Peymanns befreien können.

In den vergangenen Jahren hat sich hierzulande kein anderes Haus derart an dem Großschriftsteller abgearbeitet wie das Theater in der Josefstadt; in schöner Regelmäßigkeit setzt Intendant Herbert Föttinger Bernhard-Stücke auf den Spielplan, stets auf der Suche nach Spielweisen für den Klassiker; zuletzt "Der deutsche Mittagstisch", inszeniert von Peymann höchstpersönlich.

Wilde Wortgefechte

Folgerichtig also, dass sich die Josefstadt nun an das selten gespielte Stück "Ritter, Dene, Voss" herantastet. Bernhard schrieb das Drama für die titelgebenden Schauspieler Ilse Ritter, Kirsten Dene und Gert Voss. Nach der Uraufführung bei den Salzburger Festspielen 1986 stand nämliche Inszenierung nahezu während der gesamten Direktions-Ära Peymann am Spielplan des Burgtheaters; später wurde das Stück ans Berliner Ensemble übernommen, Peymanns anschließende Wirkungsstätte. Bis 2004 hielten Ritter, Dene, Voss also ihrem eigenen Stück auf der Bühne die Treue.

Es wäre unendlich schade, wenn die grandiosen Wortgefechte des inzestuös verstrickten Geschwistertrios nicht mehr zu sehen wären. Vor allem der männliche Protagonist (Voss wurde der Bühnenname Ludwig verpasst) ist eine der komplexesten Figuren im Bernhard‘schen Theateruniversum: Ludwig erinnert zugleich an den Philosophen Ludwig Wittgenstein und an dessen Neffen Paul Wittgenstein, der wie die Bühnenfigur auch wiederholt in die Heil- und Pflegeanstalt "Am Steinhof" eingeliefert wurde.

In der Josefstadt übernimmt nun Maria Köstlinger die Rolle der jüngeren Schwester Ritter; Sandra Cervik tritt als ältere Schwester Dene auf, und Johannes Krisch verkörpert Voss alias Ludwig. Der ehemalige Burgtheater-Schauspieler Krisch ringt sichtlich am meisten mit dem überlebensgroßen Vorbild: Krischs Kostüm, ein weißes Jackett, erinnert an das klassisch gewordene "Ritter, Dene, Voss"-Outfit des 2014 verstorbenen Schauspielers. Im Umgang mit der Sprache gibt es weitere Parallelen. Krisch versucht, der Musikalität der Bernhard‘schen Sprache gerecht zu werden; immer wieder trifft er den Ton, vor allem in den Monologen ist er der Rolle auf der Spur - während sich Sandra Cervik als Dene allzu schnell auf eine Tonlage einpegelt, sich auch zu sehr hinter der Hausfrauenarbeit versteckt; als Dene hat sie natürlich auch am meisten auf der Bühne zu werkeln: Sie deckt den Tisch, kehrt die zerbrochenen Scherben zusammen, kümmert sich um frische Wäsche, überhaupt um alles. In ihrer Figur steckt aber mehr, als Cervik zutage treten lässt.

Am unbekümmertsten wirft sich Maria Köstlinger in die Rolle der verhuschten Femme Fatale, vielleicht einen Tick zu naturalistisch, als würde sie ein Kammerspiel von Strindberg gegeben. Dabei gehen die absurden Aspekte des Textes teils verloren.

Florian Parbs‘ Bühnenbild gleicht einem Museum: An den Bühnenwänden hängen großformatige Porträts von Gert Voss, Kirsten Dene und Ilse Richter; die Bühnenvorbilder sind also präsent, werden gewissermaßen als Ahnen angesprochen. Die museale Setzung ist nicht ohne Witz, ändert aber wenig am Grundproblem von Peter Wittenbergs Inszenierung: Jeder der drei macht sein eigenes Ding, was am Ende kein rundweg geglücktes Ganzes ergibt.