Knapp 140 Seiten hat das Begleitbuch zu Heiner Goebbels "A House of Call. My imaginary notebook", sein Liederbuch für Orchester in vier Kapiteln und 15 Sätzen. Eine zutiefst persönliche Sammlung an Audiodokumenten, darunter historisch-ethnologische, teils auf Wachsrollen aufgezeichnet, oder Mitschnitte des Konzertgeschehens der letzten Jahre, die im Programmbuch liebevoll und assoziationsreich als künstlerisches Notizbuch aufbereitet sind.

Darin werden zentrale Figuren der Kulturgeschichte wie Roland Barthes oder Pierre Boulez anhand von Details beleuchtet und in Verbindung mit anderen gebracht. Sie sind Basis der zweistündigen Komposition, bei dem das transparent klingende Ensemble Modern Orchestra auf steilen Stufenpodesten im Volkstheater platziert ist.

Von der Seite leitet Vimbayi Kaziboni das Geschehen, eine großmeisterliche Vereinigung von Zuspielungen und Instrumentierung, ganz im Sinne einer Musik, die sich aus globalen Quellen speist. Die Stimmen bringen tragische Biografien und Schicksale mit sich, die dem Werk Bedeutsamkeit verleihen, die mitschwingt, die man - ohne die Texte verstehen zu müssen- emotional erfasst. Beeindruckend, wie die Instrumente die verschiedenen Sprachmelodien auffangen, einbetten und imitieren. Der Verlauf bleibt stets überraschend, akzentuiert durch sparsam eingesetzte Lichteffekte.

Im letzten Teil tritt die rhythmische, beschwörende Facette der Sprache in den Vordergrund, und die Musiker "beten" ritualhaft gemeinsam mit dem Dirigenten "What When Words Gone" von Samuel Beckett.

Ganz ohne Worte kam Georg Friedrich Haas in seiner "Ceremony II" im Kunsthistorischen Museum aus. Vier Stunden lang waren 64 Studierende der MUK - Musik und Kunst Privatuniversität Wien sowie die Schola Cantorum Basiliensis FHNW auf historischen Instrumenten, der Entstehungszeit der sie umgebenden Gemälden entsprechend, im Einsatz. Eine beeindruckende Leistung aller Mitwirkender.

Ganzheitliches Erlebnis

Für Haas ist es eine "Musik der Coronopandemie" bei deren Rezeption der damals geforderte Mindestabstand zwischen zwei Personen möglich ist.

Jeweils nach Instrumenten geordnet, bespielen die Musiker einen Raum, große und kleine, das Publikum wandelt von einem zum anderen, betrachtet die Bilder, die Spielenden, steht, geht und setzt sich nieder. So gestaltet jeder seine eigene Fassung, indem er sich von den Klängen aus den Nachbarräumen locken lässt oder nach anderen Kriterien entscheidet. Interessant, dass sich die Klänge von Streichern, Zinken, einer Renaissance-Orgel, Akkordeon (die als einzige herumgingen) oder Schlagwerk sich unterschiedlich auf die Wahrnehmung der Kunst auswirkten: Mit sich langsam verändernden Akkorden, aus denen Obertonschichtungen auf C herausleuchten, irisierenden Schwebungen zwischen den sich reibenden Tönen, markanten Motiven, etwa von den drei mikrotonal umgestimmten Klavieren, die in der pittoresken Mittelkuppel vierhändig bespielt wurden, erschuf Haas ein ganzheitliches Erlebnis im Jetzt, das mit fortschreitender Dauer einen meditativen Flow entwickelte.

Große Begeisterung am Ende und ein sichtlich beglückter Komponist, der das Stück in pandemiebedingter Isolation mit großer Sehnsucht nach Wien und der hier ausgestellten Kunst geschrieben hat.