Nie habe ich von Pater G. erzählt, aus Angst, man könne mir anmerken, dass ich sein Kind geblieben bin", schreibt Josef Haslinger in "Mein Fall". In dem 2020 erschienenen autobiografischen Essay berichtet der heimische Schriftsteller von sexuellem Missbrauch und physischer Gewalt, die er als Schüler des Sängerknabenkonvikts im Stift Zwettl in den 1960er Jahren erdulden musste. Die jahrelang währenden Übergriffe werden dabei auf geradezu verstörend sachliche Weise abgehandelt. Haslinger verwebt in dem schmalen Band seine Jugenderinnerungen mit dem Leben als Erwachsener, beschreibt ein komplexes Opfer-Täter-Verhältnis, gewissermaßen einen Schutzmechanismus, um sich nicht nur als Opfer, sondern als Mitspieler zu begreifen.

Ali M. Abdullah, Co-Leiter des Werk X Meidling, hat nun den beklemmenden Text auf die Bühne gehievt: Das sechs-köpfige Team (besonders eindrücklich: Dennis Cubic) weicht der Unbarmherzigkeit des Textes nicht aus. Der Theaterabend "Mein Fall" setzt nicht nur Haslingers Bericht um, sondern erweitert den Blick auf den schändlichen Umgang der katholischen Kirche mit sexuellem Missbrauch - vom Vertuschen bis zum Verunglimpfen der Opfer wird einem 100 Minuten lang nichts erspart. Harter Stoff.

Dennis Cubic bringt einen zum Nachdenken. - © Alex Gotter
Dennis Cubic bringt einen zum Nachdenken. - © Alex Gotter

Die Inszenierung arbeitet mit den Mitteln des Dokumentartheaters, im Vordergrund steht der Bericht, nicht das Rollenspiel, ähnlich sachlich wie der Text, geht auch die Inszenierung relativ emotionslos vor, diese szenische Umsetzung passt und verfängt, da das Gesagte einen ohnehin fassungslos zurücklässt. Atempausen verschaffen einem einige Live-Videoeinsätze sowie die Live-Musik von Andreas Dauböck. Ein unbequemer Theaterabend, den man so leicht nicht vergisst.

Ortswechsel von Wien-Meidling nach Wien-Alsergrund: Auch im Schauspielhaus zeigt Intendant Tomas Schweigen eine höchst eigenwillige Dramatisierung. Schweigen und sein sieben-köpfiges Team setzen sich in "Faarm Animal" mit George Orwells berühmtem Roman "Farm der Tiere" auseinander. Orwells Text handelt von der Rebellion der Tiere gegen die Menschen, die schließlich in die brutale Herrschaft der Schweine über alle anderen Tiere mündet. "Farm der Tiere", erschienen 1945, war eine Parabel auf den Stalinismus.

Im Schauspielhaus beherbergt ein verlassener Bauernhof eine sektenähnliche Vereinigung verwirrter Zeitgenossen. Auf der Suche nach Sinn und einer erweiterten Perspektive - wie nehmen Tiere die Realität wahr? - schlüpfen die Schauspielerinnen und Schauspieler in die Rolle der Tiere, mit dem Aufsetzen der Tiermasken spielen sie gewissermaßen das Orwellsche Schema nach.

Inhaltlich gerät der Abend etwas krude, aber szenisch entfaltet sich im Lauf der 70-minütigen Vorstellung ein ungewöhnlich gelungenes und amüsantes Zusammenspiel von Film und Performance. Ein seltsamer Theaterabend, der einen aber auch etwas ratlos zurücklässt.