Mehr als drei Jahrzehnte bespielt die Neue Oper Wien nun schon die Stadt mit modernem Musiktheater. Doch die Zukunft der freien Gruppe rund um Dirigent Walter Kobéra steht auf tönernen Füßen. Im Februar 2021 bescheinigte die Theaterjury der Stadt Wien (besetzt mit fünf Personen, darunter nur ein Musikexperte) dem Ensemble Tendenzen zur Stagnation: Das Verdikt verdüsterte die Zukunftsperspektive der subventionsbedürftigen Gruppe.

Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler drehte dem Ensemble zwar nicht gleich den Geldhahn zu: Die Kompanie erhält noch bis Ende 2023 Subventionen. Danach, so hieß es, werde sich Kobéra aber in den Ruhestand zurückziehen. Das Pikante an diesen Worten ist freilich: Sie kamen nicht von Kobéra selbst, sondern aus dem Rathaus - und trafen den Opernleiter in doppelter Hinsicht. Erstens hegte der bisher keine Pensionspläne. Zweitens schien mit der Ankündigung auch das Ende seiner Truppe besiegelt.

Ein Ende, das der 66-Jährige natürlich verhindern will. Darum ist nun ein Plan entwickelt worden, um die Gunst des Rathauses zurückzugewinnen. Kobéra strebt dafür einen Leitungswechsel an. "Ich klebe nicht an meinem Sessel", beteuert er angesichts des nahenden Förderentzugs; ein Trio rund um einen namhaften heimischen Künstler soll die Führung der Neuen Oper Wien übernehmen. Die drei, sagt Kobéra, haben zu diesem Zweck bereits einen Verein gegründet und ein Förderansuchen an die Gemeinde Wien gerichtet. Im Vorfeld haben zudem fünf Komponisten, darunter Johannes Maria Staud und Manuela Kerer, im Rathaus noch einmal ein gutes Wort für die Neue Oper eingelegt, erzählt Kobéra.

Die Identität des Trios will er noch nicht enthüllen. Er hofft vor allem, dass der Förderantrag rasch positiv entschieden wird und die Gruppe im Jahr 2024 wieder auf jene Förderschiene zurückkehrt, aus der sie die Theaterjury unsanft gestoßen hat.

Wenn dies gelingt, würde Kobéra auch gern weiter für das Ensemble arbeiten - in welcher Form auch immer. Seine Kontakte zu europäischen Opernhäusern, zu Festivals und Künstlern würden der Kompanie nützlich sein, betont er.

Gewonnene Preise

Tatsächlich gelang es Kobéra in der Vergangenheit immer wieder, namhafte Partner zu gewinnen, etwa gefragte Komponisten wie Peter Eötvös oder auch Institutionen wie die Bregenzer Festspiele - ein Festival, das auch im Folgejahr gemeinsame Sache mit der Neuen Oper Wien macht: In Kooperation mit dem Bodenseefestival wird im August 2023 Fabián Panisellos Oper "Die Judith von Shimoda" aus der Taufe gehoben. Bereits davor, am 11. April 2023 im Semperdepot, wird Johannes Kalitzkes "Kapitän Nemos Bibliothek", erstmals in Österreich vorgestellt. Erstaufführungen sind eine Domäne von Kobéras Kompanie: Während Repertoirehäuser vor allem auf betagte Klassiker setzen und Neutonfestivals auf Uraufführungen, schließt die Neue Oper Wien mit ihrem Fokus auf Stücke der vergangenen Jahrzehnte eine Lücke.

Mehr als zwei bis drei Premieren kann sich der Operntrupp pro Saison allerdings nicht leisten: "Mieten, Personalkosten - alles ist teurer geworden, unsere Subventionen sind aber nicht valorisiert worden", sagt Kobéra, der für jede Premiere zudem einen Kooperationspartner braucht.

Ein Trost immerhin, dass unter diesen Bedingungen dennoch Auszeichnungen gewonnen werden konnten. So erhielt Anna Bernreitner im Vorjahr für ihre Regie der "Proserpina" den Götz-Friedrich-Preis, die Neue Oper Wien selbst den Preis der deutschen Theaterverlage 2021 - wobei in der Urteilsbegründung dezidiert von einem "innovativen Umgang" mit dem Musiktheater die Rede war, wie Kobéra hervorhebt. Ob er im Wiener Rathaus noch einen Meinungsumschwung erleben darf? Man wird sehen.