Kindesmissbrauch, Mord und Selbstmord, Hysterie, Rebellion, dazu alle paar Seiten ein Liebesverrat. In Fjodor Dostojewskis um 1871 erschienenem Roman "Die Dämonen" geht es hoch her. Das Prosaepos ist einerseits wegen seiner überbordenden Handlung und des vielfältigen Figurenarsenals bekannt - vom Leibeigenen bis zum Fürsten tummelt sich so gut wie jede soziale Schicht in dem Buch.

Andererseits berichten "Die Dämonen" von einer Gesellschaft im Umbruch: Der alten Ordnung wird nicht mehr vertraut, eine neue ist jedoch noch nicht in Sicht, sodass das Vakuum mit extremistischem und terroristischem Gedankengut gefüllt wird. Populisten und Aufwiegler tun sich hervor - und scheitern gegen Ende des Romans auf allen Linien.

In gewisser Weise sind "Die Dämonen" die luzide Vorwegnahme der Katastrophen des 20. Jahrhunderts, daneben können sie als Brevier für die gegenwärtigen Unwägbarkeiten und Krisenstimmungen herhalten. Ein Klassiker halt.

Fantastereien

Regisseur Johan Simons hievt nun die "Die Dämonen" auf die Bühne des Burgtheaters, in erstklassiger Besetzung mit Nicholas Ofzcarek, Birgit Minichmayr, Sarah Viktoria Frick, Maria Happel, Oliver Nägele und Markus Hering. Ein Best of Burgtheater. Die Erwartungen sind entsprechend hoch. Doch die vierstündige Aufführung vermag diese leider keineswegs zu erfüllen.

Das Missverständnis liegt bereits in der Fassung von Dramaturg Sebastian Huber. Die Textvorlage versucht auf konventionelle Weise, den Inhalt nachzuerzählen - und verfehlt die Essenz: "Die Dämonen" entwickeln Spannung und Zugkraft, sobald es um die gesellschaftspolitischen Fantastereien geht, die auf der Bühne zugunsten der Handlung ziemlich untergehen. Weil die Bühnenfassung zu vielen Figuren und ihren Verstrickungen halbwegs gerecht werden will, rückt auch die Hauptperson Nikolaj allmählich in den Hintergrund. Jene Figur, die Thomas Mann als eine der "unheimlich anziehendsten Figuren der Weltliteratur" charakterisierte. In Wien wird am eigentlichen Drama vorbeigespielt.

Auch Nadja Sofie Ellers Bühne trägt wenig zur Atmosphäre bei. Das Bühnenbild präsentiert sich als neutraler Spielraum, der im Grunde aus drei raumfüllenden goldenen Wänden besteht, vollgeräumt mit Sesseln und Tischen. Die allermeiste Zeit sitzt das elfköpfige Ensemble stoisch und statisch auf der Bühne herum und unterhält sich. Szenisches ist mit der Lupe zu suchen. Die vier Stunden ziehen sich enorm in die Länge. In der Entwicklung der Konflikte und der Charaktere tut sich auch kaum etwas, die Figuren bleiben einem fern und fremd. Sollte diese radikale Verweigerung jeglicher Bühnenaufregung Absicht gewesen sein, indem eine alles umfassende Fadesse und Tristesse etabliert wird, um so wiederum möglichst krassen Kontrast zum gesprochenen Wort zu erzeugen, ist zu vermelden: Vor sich breitmachender Ermattung anlässlich sich fortsetzenden Bühnenstillstands geht so gut wie jedes Interesse am Text verloren.

Das Gegenbeispiel wäre Frank Castorfs legendäre "Dämonen"-Inszenierung, die 1999 im Rahmen der Wiener Festwochen gastierte und im Jahr darauf zum Berliner Theatertreffen geladen wurde. Der alte Dostojewski als grandiose postkommunistische Apokalypse!

Schadensbegrenzung ist in Wien den Akteurinnen und Akteuren zu verdanken. Maria Happel findet für die wohlhabende Witwe Warwara ein passgenaues Format, und gemeinsam mit Oliver Nägele, der den verlotterten Schriftsteller Stepan verkörpert, gelingen ihr gefühlvolle Szenen. Jan Bülow, der die Rolle des Aufwieglers Pjotr verkörpert, hinterlässt mit schneidender Stimme und herrlicher Arroganz Eindruck. Von Birgit Minichmayrs großer Schauspielkunst ist unter Johan Simons’ Regie dieses Mal leider nicht allzu viel zu sehen, ihrer peitschenknallenden Erbin Lisa nimmt man die Seelenpein nicht wirklich ab.

Einen Moment gibt es dennoch, in dem das Dämonische in Simons’ Inszenierung auf geradezu unheimliche Weise präsent ist. Nicholas Ofczarek spielt Fürst Nikolaj. Irgendwann ist die Zeit der Bühnenbeichte. Dabei sitzt Ofczarek, Vollbart, Langhaar und in ein seltsames Folklore-Kostüm gewandet, auf einem Stuhl und erzählt, wie er ein 14-jähriges Mädchen verführte, das sich später umbrachte. Ofczarek trägt sein monströses Bekenntnis so scheinbar unbekümmert wie präzise vor. Ein Dämon packt aus. Ein rarer Moment an einem überlangen Abend, der immerhin erahnen lässt, was hier alles möglich gewesen wäre.