Geschlechter-Stereotype zu hinterfragen und aufzubrechen, entspricht dem Zeitgeist. Auch in der Kunst. Ist dieses Aufbrechen klug gemacht, kann es entlarven, neue Perspektiven auf Althergebrachtes öffnen oder zumindest zum Nachdenken anregen. Die tragende Figur mit einer Frau statt mit einem Mann zu besetzen, reicht dafür nicht.

Auf Letzteres beschränkt sich die jüngste diesbezügliche Unternehmung an der Volksoper Wien: Bei der Premiere der "Dreigroschenoper" war am Sonntag erstmals Sona MacDonald als Oberbandit Macheath alias Mackie Messer zu erleben. Warum das so ist, erschließt sich in der Inszenierung von Maurice Lenhard nicht. Frauenrolle ist es keine geworden, hier spielt einfach eine zierliche Frau einen androgynen Macho, der Perspektivenwechsel bleibt aus. Da hilft es nicht, dass auch die Gauner und Huren geschlechterblind gedacht sind. So ist die Spelunkenjenny nicht die einzige männlich besetzte Hure, die Banditen sind augenscheinlich weiblich, männlich und divers. Dramaturgisch ist hinter diesen Drehungen nicht mehr zu erkennen als die hippe, nicht einmal neue Zeitgeisterkenntnis: Geschlecht ist auch nur eine Kategorie. Männer sind eben auch Huren und Frauen Banditinnen. Entweder ist eine tiefere Botschaft so subtil, dass man sie nicht merkt. Oder da ist einfach nicht mehr.

Carsten Süss (Jonathan Peachum) und Ursula Pfitzner (Frau Peachum). 
- © Volksoper Wien / Barbara Pálffy

Carsten Süss (Jonathan Peachum) und Ursula Pfitzner (Frau Peachum).

- © Volksoper Wien / Barbara Pálffy

Zwischen den Genres

Diese grundlegende dramaturgische Schwachstelle überdeckt den erfreulichsten Aspekt dieser Produktion: Sona MacDonald ist bis in jede Faser ihrer Bühnenpersönlichkeit mit dem Tonfall der "Dreigroschenoper" verwoben - egal ob sie (wie in der Vergangenheit) Jenny, Polly oder nun eben den Mackie Messer gibt. Ihre Art, dieser aufgerauten Musik zu begegnen, ihr mit der tiefgründig poetischen Haltung der Chansonnière Seele und Charakter zu verleihen, sie präzise in diesen Zwischenraum aller Genres zu platzieren, ist großartig. Das restliche Ensemble zerreißt es dagegen zwischen den Genres. Ursula Pfitzner als pointiert exaltierte Frau Peachum und Johanna Arrouas als derb mädchenhafte Polly können gesanglich nicht aus ihrer Opern- und Operettenhaut. Mit Oliver Liebl als Jenny grüßt vokal glatt das Musical. Carsten Süss als kleinbürgerlicher Peachum findet noch eine recht konzise, wenn auch nicht sehr prägnante Linie. Zu berühren vermag eigentlich nur der Knabensopran Camillo Kirchhoff als Moritatensänger.

Trendige Schablonen

Erfreuliches kommt aus dem Graben. Das Volksopernorchester fühlt sich in der musikalischen Welt von Kurt Weill sichtlich wohl, trifft unter der Leitung des jungen italienischen Dirigenten Carlo Goldstein stets den passenden Ton zwischen derbem Aufbegehren und dem Aufblitzen verklärt poetischer Momente. Insgesamt fügen sich all diese Versatzstücke jedoch nicht zu einem großen Ganzen - weder musikalisch noch szenisch. Die zentrale Aussage des Stückes, die entlarvende Sozialkritik von Bert Brecht, hat nichts an Aktualität verloren, geht jedoch in dem unausgegorenen Geschlechterkarussell verloren. Der dabei übrig bleibende kleine Rest verfängt sich in den grellen wattig gepolsterten Kostümen (Christina Geiger) und in den Stufen der ausgeklügelten, aber inhaltlich ebenfalls beliebigen gelben Tortenschichten-Drehbühne von Malina Raßfeld.

Musiktheater neu zu denken - mit keinem geringeren Anspruch ist Direktorin Lotte de Beer angetreten -, dazu braucht es mehr als bunte Farben und trendige Schablonen. Aber vielleicht ist der Weg dorthin gar nicht möglich, ohne zuerst ordentlich zu scheitern.