Üblicherweise wird eine künstlerische Leitungsperiode von fünf Jahren einmal ohne großes Aufsehen verlängert, zwei Perioden sind einer Intendantin bzw. einem Intendanten meist gewiss. Allein, dass in der Wiener Theaterwelt seit geraumer Zeit darüber spekuliert wird, dass dies dem amtierenden Burgtheater-Direktor Martin Kušej verwehrt werden könnte, ist schon ein Alarmzeichen. Was läuft schief am Burgtheater? Und wer könnte die größte Bühne des Landes wieder auf Kurs bringen?

Martin Kušej trat 2019/20 seine erste Spielzeit am Burgtheaters mit einer Reihe vielversprechender Ankündigungen an: Mehr Diversität und Internationalität dank eines interkulturellen Ensembles und Theatermacher aus aller Welt. Corona und der pandemiebedingte Lockdown bremste den Neubeginn ein, aber anders als viele Intendanten-Kolleginnen und -Kollegen, die in ihren zwangsläufig geschlossenen Theaterhäusern dennoch neue Spielformen ausprobierten, um irgendwie Kontakt mit dem Publikum zu halten, ein Lebenszeichen von sich zu geben, schlief das Burgtheater den Corona-Schlaf.

Durchwachsene Bilanz

Auch seit die Bühnen wieder ungehindert den Spielbetrieb aufnehmen können, strauchelt die Nationalbühne: Kušejs künstlerische Bilanz ist leider durchwachsen, wenige Aufführungen vermochten eine Strahlkraft zu entfalten, vor allem die Inszenierungen des Hausherrn - angefangen von "Hermannsschlacht" bis zuletzt "Nebenan" gingen nicht wirklich auf. Die Gesamtauslastung lag Ende Oktober bei etwa 60 Prozent, im Vergleich dazu vermeldet etwa die Josefstadt für denselben Monat 79 Prozent.

Gerüchteweise ist zu vernehmen, dass es um das Arbeitsklima am Burgtheater nicht unbedingt zum Besten steht. In der aktuellen Ausgabe des Nachrichtenmagazins "profil" wird davon berichtet, dass ein "chaotischer und autoritärer Führungsstil" am Burgtheater für "Stress und Überstunden" sorge, es herrsche eine "Atmosphäre der Angst". Kušej dementiert das gegenüber "profil" als Aussagen "missgünstiger Menschen", die "mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun haben". Auffallend ist jedoch, dass die Fluktuation am Haus vergleichsweise hoch ist.

Die Bewerbungsfrist für die Direktion lief bis Mitte Oktober. 15 Bewerbungen wurden gesichtet, auch Leitungsteams befanden sich darunter. Staatssekretärin Andrea Mayer kündigte an, mit allen Bewerbern, die von der Findungskommission vorgeschlagen werden, Gespräche zu führen. Seit Anfang dieser Woche laufen nun die Hearings. Amtsinhaber Martin Kušej steht für eine weitere Periode zur Verfügung: "Ich bin mit dem Burgtheater noch nicht fertig", sagte er gegenüber der Apa. Folgt man den Spekulationen im "Kurier", dann hätten auch Bettina Hering, Marie Rötzer und Maria Happel einen Termin im BKA.

Hering leitet derzeit das Schauspielprogramm der Salzburger Festspiele, ab 2023 tritt Marina Davydova ihre Nachfolge an. Hering verfügt über die notwendigen internationalen Kontakte, in Salzburg setzte sie sich entschieden für Regisseurinnen und Autorinnen ein, mit Karin Henkels "Richard the kid and the king" landete sie sogar einen Bühnenhit.

Marie Rötzer führt auf respektable Weise derzeit das Landestheaters Niederösterreich, ob sie das bereits für den Top-Job qualifiziert? Und Burg-Schauspielerin Maria Happel ist mit der Leitung des Max Reinhardt Seminars und der Festspiele Reichenau mehr als ausgelastet, will man da noch die größte Bühne des Landes drauf packen? Wahrscheinlicher erscheint da Barbara Frey. Die Schweizer Regisseurin inszeniert seit vielen Jahren an Burg- und Akademietheater, kennt das Haus gut, verfügt über Leitungserfahrung und Kontakte.

Ein vielfach kolportierter Kandidat ist überdies Andreas Beck. Er war am Burgtheater Dramaturg, leitete später das Wiener Schauspielhaus, von dort wechselte er nach Basel und leitet derzeit das Münchner Residenztheater. Was für Beck spricht: Er ist überall mit durchschlagendem Erfolg zugange, nur wurde sein Vertrag in München soeben bis 2028/29 verlängert. Doch lehrt die Erfahrung, dass selten jene Kandidatinnen und Kandidaten zum Zug kommen, die zuvor in den Medien durchgekaut wurden. Vor Weihnachten will Andrea Mayer eine Entscheidung treffen. Es bleibt spannend..