Weihnachten find ich heute noch eine schlimme Zeit", steht da zu lesen oder: "Meine Geschwister haben es mir nicht geglaubt", und: "Erinnern tu ich mich nur an die Not, an die totale Not." Diese Zeilen stehen beispielhaft für die Erinnerungen ehemaliger Heimkinder an ihre Zeit in einem der berüchtigten Wiener Kinderaufbewahrungsstätten. Wie fragmentarische Tagebucheinträge bilden die Zeilen den Auftakt zur performativen Installation "Heimweh".

Schwere Vorwürfe

In dieser außergewöhnlichen szenischen Arbeit setzen sich die "Darum"-Masterminds Victoria Halper und Kai Krösche mit den Verbrechen auseinander, die Schutzbefohlene in kirchlichen und städtischen Heimen der 1950er bis 1980er Jahre erdulden mussten. Angeklagt werden brutale Erziehungsmethoden, grauenhafte Misshandlungen und sexualisierte Gewalt, die in Extremfällen bis zur organisierten Kinderprostitution reichten. Harter Stoff.

Doch das Kollektiv "Darum" findet für das Grauen eine so durchdachte wie auch erstaunlich zarte Umsetzung, die das Leid keineswegs ausspart, die Opfer aber nicht voyeuristisch ausstellt. Angesiedelt ist die WUK-Koproduktion in der ehemaligen Wirtschaftsuniversität in Wien-Alsergrund. Im ersten Stock des weitläufigen Gebäudes werden nacheinander mehrere Räume bespielt. Die drei Akte, hier "Versuche" genannt, sind ähnlich aufgebaut: Zunächst betritt das Publikum ein Foyer, gestaltet wie eine Ausstellung. An den Wänden hängen etwa 30 Schaukästen, mit Fotografien der Kinderheime samt den eingangs zitierten Aussagen. Die Fotografien ändern sich bei jedem weiteren "Versuch". Schließlich geht man durch weitere Räume, erlebt szenische Miniaturen, die gekonnt zwischen Fiktion und Dokumentation changieren. Im "Ersten Versuch" treten fünf Kinderdarsteller auf, die noch tiefer in die Erinnerungen eintauchen, wobei der Text mit Auslassungen und Leerstellen operiert. Ein Raum ist etwa wie ein Büro ausgestattet, voll mit Aktenschränken und Dokumenten, hier wird die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle thematisiert.

Zur Erinnerung: Nachdem einstige Heimkinder schwere Vorwürfe erhoben, versuchte die Stadt Wien von 2010 bis 2019 das Unrecht aufzuarbeiten. Eine Kommission wurde eingesetzt, die noch die schlimmsten Vorwürfe bestätigte und von einer "historischen Katastrophe" sprach, über 2.000 Betroffene erhielten danach immerhin finanzielle Hilfeleistungen. Vor allem in den 1950er Jahren standen viele Erzieher noch unter dem Einfluss der NS-Zeit, gewaltsame Erziehungsmethoden und autoritäre Vorstellungen wurden toleriert.

Keine Hilfe, nirgends

Aber die Ignoranz der österreichischen Gesellschaft gegenüber dem Schicksal der Heimkinder währte jahrzehntelang. Mit historischen Ton- und Filmdokumenten entlarvt "Heimweh" auch das systematische Wegsehen der Behörden. Ein Beispiel: Zwei Mädchen fliehen aus dem Heim, zeigen bei der Polizei die Vergewaltigungen an, aber niemand glaubt ihnen, ja, sie werden umgehend zurück ins Heim gebracht. Auch die Nachwirkungen des Heimlebens spart "Heimweh" nicht aus: Viele straucheln ein Leben lang, kämpfen mit Alkohol- und Drogensucht, sind obdachlos, werden straffällig.

Mit einer Dauer von vier Stunden ist "Heimweh" etwas zu lang geraten, vor allem gegen Ende franst es etwas aus, aber dennoch ist es ein szenisches Ereignis, das man so schnell nicht vergisst.