Frei nach Goethes "Iphigenie auf Tauris" ist die aktuelle Klassikerüberschreibung am TAG, doch rasch wird klar: Diese Iphigenie ist alles andere als frei - schon gar nicht von Goethe, dessen Version des mythologischen Stoffes zwar schon einen aufklärerischen Hauch präfeministischer Fragen aufwirft - "Der Frauen Zustand ist beklagenswert" -, letztendlich aber dabei bleibt, dass eine Frau, die sich aus den für sie vorbestimmten Fesseln, ob Orakel oder Gesellschaft, befreit, mehr Göttin denn Mensch sein muss.

Angelika Messner (Text und Regie) verlegt die Handlung in eine undefinierte Gegenwart und macht die einstige Priesterin zur Prostituierten. Ihre Iphigenie begehrt von Beginn an in der zwischen zerstörtem Tempel und Kellerloch angesiedelten kargen Zufluchtsstätte gegen die ihr zugeteilten Rollen auf: Weder will sie "Boss" Thoas heiraten noch Ersatzfamilie für den wiedergefundenen, nach dem Rachemord an der Mutter schwer traumatisierten Bruder Orest sein und schon gar nicht als rettende Mutter-Figur für die ihr anvertrauten Jungprostituierten fungieren.

Wohin also, wenn alle Rollen, die dieser Frau, ob im Mythos oder bei "Goethe & Co.", zugeschrieben werden, nicht jene sind, die sie erfüllen will? In Messners Lesart: in einen waffen- wie Stroboskop-geladenen Showdown als Femizid.

Gelungen ist so eine lohnende, wenn auch mehr solide als mitreißende düstere Deutung männlicher Narrative der Tragödie rund um die Frau als "notwendiges Opfer", der Messner mit einem klaren weiblichen "Nein" zuletzt dann doch so etwas wie Hoffnung nachreicht.