Der Posten des Musikdirektors der Wiener Staatsoper könnte so etwas wie der Klassikthron sein - und hat sich in der Geschichte doch allzu oft als Schleudersitz erwiesen. Philippe Jordan, 2020 im Duett mit Direktor Bogdan Roščić angetreten, wird nach Ende seines Vertrags im Herbst 2025 nicht nachbesetzt.

In der Geschichte des Hauses ist der Posten nicht immer besetzt gewesen. Das lag teilweise daran, dass mitunter Dirigenten Direktoren der Staatsoper waren: Karl Böhm (1954 bis 1956), Herbert von Karajan (1956 bis 1964) und Lorin Maazel (1982 bis 1984) führten das Haus als Intendanten und Musikchefs in Personalunion. Einer ihrer Vorläufer war Gustav Mahler (1908-1911), ein anderer Clemens Krauss (1935-1936).

Erst Claus Helmut Drese arbeitete in seiner Direktionsperiode ab 1986 mit einem Musikdirektor, Claudio Abbado. Das Primat über die Besetzungen machte der Star-Dirigent zur Bedingung für seine Bestellung.

Abbado tritt ab

Im Zuge des Wechsels zu Eberhard Waechter als Direktor der Staatsoper kam es zu Unstimmigkeiten:  Die damalige Unterrichtsministerin Hilde Hawlicek (SPÖ) brüskierte Abbado, indem sie bekanntgab, er werde ab 1991 nicht mehr Musikdirektor sein, sondern nur noch Berater und Dirigent. Abbado drohte mit sofortigem Rücktritt. Um den internationalen Skandal zu vermeiden, verkündete man nun, Abbado werde parallel mit Waechters erster Amtszeit bis 1997 Musikdirektor bleiben. Allerdings zog sich Abbado bereits 1991 aus gesundheitlichen Gründen zurück. Bis dahin hatte er 150 Vorstellungen als Musikdirektor dirigiert.

Ioan Holender, Nachfolger des 1992 überraschend verstorbenen Waechter, verzichtete lange auf die Bestellung eines Musikdirektors. Erst 2002 trat Seiji Ozawa sein Amt als Musikdirektor des Hauses an, nachdem ihn Holender 1999 als Nachfolger auf dem Posten Abbados vorgestellt hatte.

2009 schied Ozawa mit Peter Tschaikowskis "Eugen Onegin" vom Haus, mit der Oper also, mit der er 1988 sein Debüt am Ring gegeben hatte.

Welser-Möst gibt auf

Zu diesem Zeitpunkt hatte die damalige Kulturministerin Claudia Schmied (SPÖ) bereits bekanntgegeben gehabt, dass der zu diesem Zeitpunkt 47-jährige Franz Welser-Möst neben Dominique Meyer zum "Generalmusikdirektor" (GMD) der Staatsoper ab 2010 bestellt worden sei. Welser-Möst dirigierte zum  Einstieg in die neue Funktion Paul Hindemiths "Cardillac". 2012 verlängerte Schmied den ursprünglich bis 2015 laufenden Vertrag des GMD bis 2018.

2014 erklärte Welser-Möst seinen sofortigen Rücktritt als Generalmusikdirektor. Der Grund seien seit längerer Zeit bestehende Auffassungsunterschiede in künstlerischen Belangen mit der Direktion, die auch in mehreren Gesprächen nicht aufzulösen gewesen seien. Direktor Dominique Meyer musste kurzfristig 34 Dirigate neu besetzen, darunter drei Premieren, und hatte vorerst genug von Musikdirektoren: Bis zum Ende seiner Direktion 2020 besetzte er Welser-Mösts Posten nicht nach.

Bogdan Roščić präsentierte bereits 2017, zu diesem Zeitpunkt erst designierter Chef der Staatsoper, Philippe Jordan als Musikdirektor.

Wieder ein Konflikt

Doch das Spiel wiederholte sich in leichter Variation: Jordan warf wenigstens nicht von heute auf morgen hin, sondern verkündete im Herbst dieses Jahres, er werde nach Ende seines Vertrags 2025 nicht mehr als Musikdirektor der Staatsoper zur Verfügung stehen. Seine Begründung war ein künstlerischer Konflikt mit Roščić wegendes Überhandnehmens von Regietheater-Inszenierungen. Roščić konterte, dass er Jordans Vertrag von sich aus nicht verlängert hätte.

Nun will es Roščić "mit einer Gruppe wichtiger Dirigenten" versuchen, wie er dem "Standard" sagte. Roščić ist damit nach der heuer erfolgten Vertragsverlängerung bis 2030 Alleinherrscher im Haus am Ring.

Freilich ist auch das nichts Neues für einen nicht künstlerisch tätigen Staatsoperndirektor: Heinrich Reif-Gintl (1968-1972), Rudolf Gamsjäger (1972-1976) Egon Seefehlner (1976-1982) etwa hatten ebenfalls keinen Musikdirektor bestellt. 

Letzte Sicherheit für den Direktor ist freilich auch der Alleingang nicht: "Beide Modelle können große Vor- und Nachteile haben", sagt Roščić in dem Interview. (red/apa/maf/whl/har/iga)