Nur Jauchzen und Frohlocken fehlte noch an diesem Abend auf der Bühne. Wobei sicherlich manch Zuschauer das gerne lautstark beigesteuert hätte. Ein Fest des Tanzes, ein Fest des Lebens, ein Fest der Anne Teresa De Keersmaeker: Am Wochenende zeigte das Festspielhaus St. Pölten "Mozart/Concert Arias" der belgischen Ausnahmechoreografin als Gastspiel des Opera Ballet Vlaanderen.

1992 ist das Stück mit De Keersmaekers Kompagnie Rosas beim Festival d’Avignon uraufgeführt worden und überraschte damit gleichermaßen Zuschauer und Kritiker. Humor und pure Lebensfreude manifestiert sich, ungewöhnlich für De Keersmaeker in den opulenten Barockkleidern und -Gehröcken und schwingt mit bei den Sängerinnen, dem Solopianisten und im Orchester. Es ist reiner Eskapismus aus den omnipräsenten heutigen Problemen, den man im Festspielhaus erleben darf. Denn De Keersmaeker widmet sich - wie der Untertitel des Stücks schon besagt - "Un moto di gioia", also "einer Bewegung der Freude". Und beschwingt und "gioioso" verlässt man dann auch De Keersmakers Welt, die sich in Mozarts Konzertarien und einem getanzten Spiel um die Liebe und all den mit ihr einhergehenden Emotionen widerspiegelt.

Pure Lust am Tanz. 
- © Filip Van Roe

Pure Lust am Tanz.

- © Filip Van Roe

Die beeindrucken Sängerinnen Emma Posman, Olga Pasitschnyk und Raphaele Green - begleitet vom Tonkünstler-Orchester Niederösterreich unter der Leitung von Ulises Maino - werden in den Tanz integriert, eigentlich von ihrer Darbietung abgelenkt: Einmal strippt sich ein Tänzer äußerst witzig aus seinem Barockkostüm, dann wiederum schlägt er einer anderen Sängerin mit dem Fuß die Partitur aus den Händen. Was man nicht alles tut, um die Aufmerksamkeit der Angebeteten auf sich zu ziehen! Es folgen verspielte Duette der sechs Tänzer und sieben Tänzerinnen des Opera Ballet Vlaanderen, die offensichtlich mit großer Lust den Charme dieses Stücks auf die Bühne bringen.

Hemmungslos

Es gibt zahlreiche faszinierende Momente, doch einige bleiben besonders in Erinnerung: So etwa das Solo einer Tänzerin, die sich in ihrem Barockkostüm hemmungslos heutigen Dancemoves hingibt: Man sieht bekannte Bewegungen, die Filmgeschichte geschrieben haben aus "Pulp Fiction" oder "Saturday Night Fever", auch Gangnam Style ist zu erkennen. Dann wiederum steppt sie.

Oder die Szene, in der die Tänzerinnen nur in Hemden bekleidet, seufzend schmachtend zu Boden fallen, als sie einer der Performer mit klassischem Schrittrepertoire beeindrucken will. Und im Pas de deux, in dem die Tänzerin ihrem Partner stetig aus den Armen gleitet, bleiben auch die Schattenseiten der Liebe nach vorigen humorigen Momenten nicht vergessen.

De Keersmaekers Bewegungsmuster sind hier ungemein vielseitig und abwechslungsreich. Trotz einer Dauer von mehr als zwei Stunden gibt es keine Längen, dafür eine emotionale Achterbahnfahrt.