Bieder eingekleidet präsentiert sich das Personal von Vicente Martín y Solers Oper "L’arbore di Diana" an der Kammeroper: Pullunder, Brille und glatt gekämmtes Haar dominieren die Premiere am Samstag. Das Klischeebild ist bei Endimione (Jan Petryka) mit einem Seitenscheitel perfektioniert und bei Diana (Verónica Cangemi) von einem Dutt gekrönt. Kontrastiert wird diese Prüderie allerdings durch Hauptfiguren, die schamlos ihre Höschen verlieren und den Ledergürtel als Peitsche zücken. All das ist implementiert in das Bühnenbild (Emanuele Sinisi) einer heruntergekommenen Schultoilette mit abgefallenen Fliesen, Schimmel und Wandkritzeleien, gebrauchte Kondome und Masturbation inklusive. Auch am Jesuskreuz - in der Klasse und um Dianas Hals - hapert es nicht.

Trotz lesbischen Statistenpaars und eines Transgender-Amor ist die Regie in den 50er Jahren angelegt: Eine forsche Jugend begehrt hier gegen biedere Alte auf, Männlichkeit dominiert. Diana ist keine junge Göttin neben jungen Nymphen, sondern eine alte schrullige Direktorin, die sich später à la Domina an Schüler Endimione vergreifen wird. Die Schuld trägt Amor (Maayan Licht), der gemäß seiner göttlichen Mission alle verzaubert, hier besonders durch seine sensationelle Koloratur-Sopranstimme. Die mythische Geschichte von Dianas Apfelbaum, der glänzende Früchte trägt und unkeusche Naturen mit faulem Obst erschlägt, wird in dieser Inszenierung nur in Gestalt eines glamourösen Luftballonhaufens und in Form eines Schülerstreichs aufgegriffen.

Christoph Filler (links) und Maayan Licht. - © Herwig Prammer
Christoph Filler (links) und Maayan Licht. - © Herwig Prammer

Was den Abend zu einem Genuss macht, sind seine Darsteller. Gesanglich wie schauspielerisch wird perfekt agiert, harmonisch wirkt das Terzett der Schüler wie auch jede Einzelstimme für sich; das Orchester (Bach Consort Wien unter Rubén Dubrovsky) beweist barocken Charme. Am Ende spaltete sich das Premierenpublikum in Buh- und Jubel-Rufer.