Den ungestümen Rausch jugendlichen Überschwangs festhalten - wer wollte das nicht? Denn was der Jugend unschuldig intuitiv geschenkt ist, will später in harter Arbeit bewusst neu erlernt werden. Ihre Lebendigkeit in einem möglichst präzisen Regelwerk zu konservieren, sich Jugend damit haltbar und jederzeit wieder abrufbar zu machen, danach trachten auch Richard Wagners "Meistersinger". Dass dies nicht gelingen kann, dass es auch der Kunst nicht möglich ist, durch ein starres Korsett Vitalität einzufangen und damit die Zeit anzuhalten, ist die Entwicklungsgeschichte dieser Oper. Es ist mit dem jungen Ritter Walther das Ungestüm der Jugend selbst, das den Meistern den Spiegel ihrer Erstarrung vorhält.

Die Wiener Staatsoper hat seit Sonntag eine Neuproduktion der "Meistersinger von Nürnberg" im Repertoire. Der ewige Generationenkreis hat Keith Warner in seiner Regie nicht so brennend interessiert, er verstellt den Blick darauf aber auch nicht. Seine Bilder kreisen um (Alb-)Traumgedanken und kulturelle Erinnerungsreisen, um die lebendige Natur, die sich wieder einen Platz in der erstarrten Kultur erobert. Da gibt es Vogelgestalten, projizierte Neuronennetze, einen grünen Kobold und aus der Zeit gefallene Plüsch- und Pastellkostüme (Kaspar Glarner) in der variablen Bühne aus drehbaren Türmen (Boris Kudelička). All diese Versatzstücke mögen wohl erdacht sein, ein schlüssiges Ganzes ergeben sie nicht.

Wolfgang Koch als herrlich diabolisch tollpatschiger Beckmesser. - © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn
Wolfgang Koch als herrlich diabolisch tollpatschiger Beckmesser. - © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Stimmung und Witz

Was man Warner zugutehalten muss: Die Personenführung ist präzise und aus der Musik gearbeitet, hat Spannung, Stimmung und Witz. Die Entwicklung des Hans Sachs vom nachdenklichen Haderer zum souveränen Geburtshelfer der Erneuerung, die des Aufschneiders Beckmesser hinein in sein Scheitern, der Weg Evas vom Kind zur liebenden Frau, der Walters vom stolzen Ritter zum geprüften Mann - diese Geschichten sind in berührender Plastizität erzählt. Dass diese feine Erzählsprache erblühen kann, liegt an den hervorragenden Darstellern. Großer Wurf ist diese Inszenierung keiner - was Warner Beifall und Buhrufe bescherte.

Starke Stimmen

Überzeugen: David Butt Philip (Walther) und Hanna-Elisabeth Müller (Eva). - © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn
Überzeugen: David Butt Philip (Walther) und Hanna-Elisabeth Müller (Eva). - © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Getragen werden diese "Meistersinger" stimmlich und szenisch von Michael Volle als Hans Sachs. Seine melodiös elegante Strahlkraft und sein tiefes Selbstverständnis für diese fordernde Partie sind der erdende Ruhepol dieser Produktion. Wolfgang Koch ist ihm als koboldhafter wie tollpatschiger Beckmesser ein wunderbarer Gegenspieler; Georg Zeppenfeld den beiden als elegant sonorer Pogner eine wunderbare Ergänzung. Durchwachsener das junge Paar, zumindest vokal: Hanna-Elisabeth Müller hat als Eva schöne dramatische wie lyrische Momente, kann die aber nicht zu einer einheitlichen Linie schmieden, David Butt Philip überzeugt als Walther von Stolzing mit unerschrockener tenoraler Kraft und dunklem Timbre, es fehlt ihm jedoch in der Höhe an Strahlkraft. Als präsente Bühnenpersönlichkeiten überzeugen aber auch sie. Philippe Jordan - der scheidende Musikdirektor wurde schon vor dem ersten Ton ausgiebig bejubelt und zum Schlussapplaus mit einem Blumenregen bedacht - umschloss diese szenische Präsenz mit einem satten Wagner-Sound. Vor allem in den ersten beiden Aufzügen formte er aus der kompakten Partitur einen drängenden, breiten, hellen Mahlstrom an Klang, der nicht allen Motiven ihren Entfaltungsraum bot. Was seine Lesart an Poesie und Zauber vermissen lässt, macht sie durch eine fesselnd drängende Gesamtchoreografie wieder wett.

Trägt den Abend: Michael Volle als herausragender Hans Sachs. - © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn
Trägt den Abend: Michael Volle als herausragender Hans Sachs. - © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Insgesamt ein bis in die Details packend erzählter und musizierter Opernabend voller realer "Meistersinger", dem einzig der szenische große Bogen fehlt.

Das finale Sängerfest zu Nürnberg zeichnet Keith Warner in Pastelltönen. - © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn
Das finale Sängerfest zu Nürnberg zeichnet Keith Warner in Pastelltönen. - © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn