Es war im Jahr 1985, da betrat ein 1,91 Meter großer, schlanker 20-Jähriger aus Wien-Favoriten erstmals die Bühne. Eigentlich hätte Marko Simsa die Druckerei seines Vaters übernehmen sollen, stattdessen begann er am Kindertheater. Und drei Jahre später folgte seine erste Musikproduktion, "Nachtmusik und Zauberflöte - Mozart für Kinder". In den vergangenen fast 35 Jahren folgten zahlreiche weitere ähnliche Bühnenprogramme, zudem dutzende Bücher und CDs.

Sein Mozart-Programm hat er mehr als 1.000 Mal gespielt, und die CD mit der "Zauberflöte" hat sich mehr als 200.000 Mal verkauft. Sein erstes Buch, "Tina und das Orchester" ist im Grunde aus den vielen Fragen entstanden, die Simsa im Laufe der Zeit von Kindern gestellt wurden. Zuletzt hat er gemeinsam mit Illustratorin Doris Eisenburger ein Bilderbuch mit Beipack-CD zu Gustav Holsts Orchestersuite "Die Planeten" gestaltet. Aktuell passend vereint "Das große Weihnachtskonzert für die ganze Familie" diverse Stile von Klassik bis Rock. Und am 18. Dezember (13 Uhr) gibt es im Wiener Stadtsaal Simsas Weihnachtskonzert für Kinder. Im Interview erklärt der 57-Jährige, warum ihm Auftritte in Schulen wichtig sind und wieso er Kindern nicht die Welt erklären will.

Auch die E-Musik braucht einen guten Schuss U, also Unterhaltung, meint Marko Simsa (hier als Mittzwanziger). 
- © Archiv

Auch die E-Musik braucht einen guten Schuss U, also Unterhaltung, meint Marko Simsa (hier als Mittzwanziger).

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"Wiener Zeitung": Ihr erstes Publikum hatte noch ein Vierteltelefon daheim, heute haben viele Kinder ein eigenes Handy. Müssen Sie da heute anders agieren als früher?

Marko Simsa: Stimmt, ich trete jetzt schon vor der zweiten Generation auf. Mit 44 Jahren hat mir zum ersten Mal eine junge Mutter erzählt, dass sie selbst als Kind schon in einer Vorstellung von mir war. Die Kinder haben sich kaum verändert, finde ich, da hat es schon immer ruhigere und unruhigere gegeben. Grundsätzlich erlebe ich, dass Kinder es nach wie vor toll finden, wenn echte Menschen auf der Bühne stehen. Mit den Erwachsenen muss man allerdings heute anders umgehen. Wenn wir vorher nichts sagen, ist nach ein paar Minuten das erste Handy gezückt, es wird fotografiert oder gefilmt - oder die Leute surfen während der Vorstellung im Internet oder schreiben Nachrichten. Einmal hat sogar jemand telefoniert. Ich bin da hin und her gerissen. Einerseits ist es halt inzwischen Teil des Lebensalltags, andererseits gibt es Grenzen, auch urheberrechtliche.

Die Liebe zur Musik ist in Marko Simsa schon als Kind durch die Schallplatten seines Vaters erwacht. 
- © privat

Die Liebe zur Musik ist in Marko Simsa schon als Kind durch die Schallplatten seines Vaters erwacht.

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Ist Kindertheater anstrengender als Theater für Erwachsene?

Würde ich meinen Beruf als anstrengend empfinden, wäre ich hier falsch. Anstrengend finde ich wie gesagt nur Smartphones in der Vorstellung. Oder Eltern, die mit viel zu kleinen Kindern kommen und dann nicht reagieren, wenn die das Programm stören. Das ist sehr heikel, denn sobald wir da etwas sagen, sind wir die ärgsten Kinderhasser, auch wenn wir genau sehen, dass sich die größeren Kinder unwohl fühlen. Aber wenn ein Kind im passenden Alter unruhig ist, habe ich eher den Ansporn, wie ich seine Aufmerksamkeit bekomme. Mein Anspruch ist, dass kein Kind nachher sagt: "Boah, das war langweilig." Die Herausforderung ist, dass die aufmerksamen Kinder nicht untergehen neben denen, die Radau schlagen. Da habe ich auch absolute Hochachtung vor dem, was Lehrerinnen Tag für Tag leisten. Grundsätzlich arbeite ich sogar lieber mit Kindern als mit Erwachsenen.

Es war einmal ein 1,91 Meter großer, schlanker Bursch aus Wien-Favoriten, der zog aus, den Kindern die klassische Musik näherzubringen . . . 
- © privat

Es war einmal ein 1,91 Meter großer, schlanker Bursch aus Wien-Favoriten, der zog aus, den Kindern die klassische Musik näherzubringen . . .

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Und wie bekommt man die Aufmerksamkeit der Kinder?

Als Faustregel gilt: Nach etwa einer halben Stunde steigt die Gefahr, dass die Aufmerksamkeit nachlässt, da braucht es Abwechslung. Ein bisschen mitsingen, mitklatschen, mittanzen, direkt angesprochen werden, das kommt immer gut an. Schon die Frage, wer ein Instrument spielt, kann den Bann brechen. Bei Vivaldis Frühling kann man Vögel zwitschern lassen, bei Mozart gemeinsam eine Kutschenfahrt nachspielen und ein Menuett tanzen. Ich mochte das immer, dieses aktive Mittun. Da ist man mit den Kindern in einem Boot. Mir ist wichtig, dass der Zugang ein spielerischer ist und kein akademischer. Ich finde auch, dass sich der Klassikbetrieb lange Zeit zu ernst genommen hat. Gerade der sogenannten E-Musik täte ein bisserl mehr Augenzwinkern gut. Ich erinnere mich noch heute daran, wie meine Schwester und ich als Kinder, wenn die Eltern noch geschlafen haben, das Sonntagvormittagskonzert im TV stummgeschaltet und uns über den Dirigenten zerwuzelt haben. Toll fand ich später Konzerte von Nikolaus Harnoncourt, wo er sich zum Publikum umgedreht und auch die eine oder andere Schnurre erzählt hat. Da könnten sich die Konzerte für Erwachsene etwas von den Kinderprogrammen abschauen.

Muss man sich um die Klassik Sorgen machen? Außer Ö1 und Radio Klassik gibt es ja zum Beispiel im Radio heute nur noch Einheitspop.

Wenn du im Ausland sagst, du bist aus Wien, dann wird es immer noch als die Stadt der Musik wahrgenommen. Ich glaube nicht, dass sich das nur aus der Vergangenheit zehrt. Es kommen ja nach wie vor wahnsinnig viele Studenten aus der ganzen Welt zum Musikstudium nach Wien, und es gibt auch auf dem Konzertsektor ein großes Angebot, das auf eine große Nachfrage trifft.

Wie sind Sie eigentlich zur Klassik für Kinder gekommen?

Nach drei Jahren Kindertheater hat mir jemand vom Jugendklub in Alterlaa vorgeschlagen, gemeinsam mit zwei Musikern so ein Programm zu versuchen. "Mozart für Kinder" wird auch heute noch stark nachgefragt. Ich bin aber immer auf der Suche nach neuen Stilen. So ist schon recht bald Pacha Manka aus Chile mit Musik aus den Anden dazugekommen. Mein Glück damals war, dass es kaum jemanden gab, der Konzerte für Kinder gemacht hat, ich war also ein Pionier auf meinem Gebiet. Mein Vorbild war Herbert Prikopa, aber auch der hat eher ein Programm für Große gemacht. Heute gibt es kaum ein Konzerthaus oder Orchester ohne eigene Education-Abteilung, das gehört einfach dazu.

Haben Sie je bereut, doch nicht die Druckerei übernommen zu haben?

Nein. Als freischaffender Bühnenkünstler arbeite ich zwar sehr viel, auch am Wochenende. Aber ich kann mir jederzeit einfach so freinehmen. Und gerade Kindervorstellungen sind besonders familienfreundlich, weil sie untertags sind und ich freie Abende habe. Da war es auch leicht, als berufstätiger Vater trotzdem für meine Kinder da zu sein, als sie klein waren. Das war keine große Heldentat. Jede Supermarktkassiererin hat es schwieriger. Ich mache auch die Schulvorstellungen am Vormittag gerne. Die sind mir überhaupt besonders wichtig, weil da Kinder dabei sind, die sonst eher nicht mit Klassik in Berührung kämen. Das ist eine Gesellschaftsbreite, die man bei den Erwachsenen nie erreicht. Es muss ihnen nicht gefallen, aber sie alle sollen die Chance bekommen, es kennenzulernen. Und im Idealfall entsteht eine emotionale Bindung zur Musik, so wie bei mir. Durch die Schallplatten meines Vaters waren meine Top drei mit zwölf Jahren Mozart, ein Boogie Woogie von Axel Zwingenberger und die Original Oberkrainer.

Sie sind selbst kein ausgebildeter Musiker. Inwieweit beeinflusst das Ihre Arbeit?

Ja, ich spiele leidlich Gitarre, aber besser zu zweit. Ich denke, es ist ein Vorteil, dass ich kein ausgebildeter Musiker bin und auch kein Instrument wirklich gut spielen kann. Dadurch habe ich selbst viele Fragen, die auch ein Kind stellen würde, die einem Musiker nicht in den Sinn kämen. So können wir gemeinsam Dinge entdecken. Es ist auch immer gefährlich, wenn man Kindern die Welt erklären will. Man muss aufpassen, was man ihnen erzählt. Es heißt ja oft, Kinder seien ein kritisches Publikum - aber für Kritikfähigkeit braucht man viel Erfahrung. Was ich auch nicht hören kann, ist die Phrase "für Kinder nur das Beste". Ja, eh klar, aber was nützt der größte Star, wenn er es nicht gern für Kinder macht oder kann? Da nehme ich lieber einen anderen guten Musiker, der es dafür mit Herz macht.

Sie sind jetzt 57 Jahre alt. Denken Sie allmählich ans Aufhören?

Mein Vater hat zu Beginn gesagt: "Mit 20 ist das Kindertheater vielleicht noch lustig, aber wenn du einmal 40 bist . . ." Gott sei Dank gab es Erich Schleyer. Denn als ich dann 40 wurde, war der 65 - und hat immer noch Kindertheater gemacht. Auch für Großväter gibt es Plätze auf der Bühne. Aber ich hoffe, dass ich es rechtzeitig sehen werde, wann die richtige Zeit zum Aufhören ist.