Kriszta Székely gehört zu den herausragenden Theaterfrauen Ungarns, nun inszeniert sie am Landestheater Niederösterreich Tschechows "Drei Schwestern", Premiere ist am 21. Dezember.

Die Budapesterin wurde mehrfach für ihre Klassikerbearbeitungen ausgezeichnet, unterrichtete an der Universität und wirkt im Leitungsteam des Katona József Theaters in Budapest mit, das als künstlerische Bastion gegen Orbán-Ungarn gilt. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" gewährt die Regisseurin auch Einblicke in die Schwierigkeiten, mit denen das ungarische Theater gegenwärtig zu kämpfen hat.

Kriszta Székely. - © J. Horvath
Kriszta Székely. - © J. Horvath

"Wiener Zeitung": Was bedeutet es für Sie, derzeit ein Stück von Tschechow zu inszenieren? Gehen Sie anders an den russischen Klassiker heran, da Russland gegen die Ukraine Krieg führt?

Kriszta Székely: Tschechow ist Teil des Weltkulturerbes, sein Einfluss auf die Literatur und die Theaterkultur Europas ist nicht zu hinterfragen. Als ich "Onkel Wanja" in Turin inszenierte, fragten wir die dortigen Schauspieler, was Tschechow für sie bedeute, ich nahm an, dass ihnen Tschechows Figuren fremd wären. Zu meinem Erstaunen meinten sie jedoch, dass die Hilflosigkeit dieser Figuren, die Art und Weise, wie sie immerzu träumen, aber nicht weiterkommen, ein typisch italienischer Charakterzug sei. Es ist eben das Markenzeichen großer Künstler und ihrer Werke, dass sich jeder darin wiedererkennen kann. In meiner Theaterarbeit erachte ich es als notwendig, dem Publikum die Klassiker so nahe wie möglich zu bringen, damit Probleme, die in den Texten aufgeworfen werden, als die eigenen wahrgenommen werden. Tschechow ist dafür besonders geeignet - er "gehört" allen.

Sie arbeiten im Katona József Theater in Budapest, das hierzulande als Bollwerk progressiver Theaterarbeit in Ungarn wahrgenommen wird. Stimmt der Eindruck?

Das Katona gehört seit den 1980er Jahren zu den führenden Theatern des Landes. In den vergangenen Jahren hat das Theater bewusst eine Erneuerung angestrebt und jungen Künstlern vermehrt eine Chance gegeben, was ich sehr unterstütze. Die kulturpolitische Situation erschwert jedoch Innovationen: Die Fidesz-Kulturpolitik hat das Katona als "oppositionelles liberales" Theater gebrandmarkt, sodass das Theater 2019, um seine Unabhängigkeit zu bewahren, unter die Obhut der Stadtverwaltung von Budapest gestellt wurde. Budapest gilt als Oppositionsstützpunkt, weshalb die Regierung alles daransetzt, die Hauptstadt wirtschaftlich zu untergraben. Gegenwärtig unterhält Budapest im Rahmen seiner begrenzten Mittel vier Theater. Noch schlimmer ist die Situation für die freie Szene, die über spannende Künstler verfügt, aber von der konservativ-nationalistischen Kulturpolitik nicht besonders gefördert werden. Hohe Subventionen gehen indes an repräsentative staatliche Institutionen, die von parteifreundlichen Intendanten geleitet werden.

Was bedeutet es, in Ungarn derzeit regierungskritisches Theater zu machen? Gibt es so etwas wie Zensur bzw. Selbstzensur?

Es gibt eine ökonomische Zensur. Indem die Regierung Fördermittel kürzt, zurückzieht oder die finanzielle Situation unberechenbar machen, eliminieren sie Unternehmen und Spielstätten. Das führt mitunter zu Selbstzensur, um die Szene und die Institutionen am Leben zu erhalten. Orte wie Katona, wo sich Künstler manchmal offen mit der Ideologie der Regierung auseinandersetzen, müssen mit politischen Skandalen und Fake-News-Kampagnen rechnen, setzen regelmäßig ihre Zukunft aufs Spiel.

Unter welchen Bedingungen findet Theaterarbeit derzeit in Ungarn statt? Wird an der Kultur gespart?

In Ungarn und vor allem in Budapest, liegt den Menschen das Theater immer noch sehr am Herzen. Wer im Theater arbeiten will, aber nicht in jenen staatlichen Institutionen, die der Fidesz wichtig sind, hat es schwer, beruflich weiterzukommen. Die Situation war in der Vergangenheit nicht viel besser - es ist kein Zufall, dass Árpád Schilling, Viktor Bodó oder Kornél Mundruczó in Westeuropa zu arbeiten begannen -, aber die aktuelle Situation ist ernster denn je. Nicht nur wegen der finanziellen Probleme, sondern auch wegen des von Vikor Orbán angekündigten "Kulturkampfes".

Was ist damit gemeint?

Beispielsweise wurde der Universität für Theater und Film (SZFE) die Autonomie entzogen. Trotz zahlreicher Proteste wurde sie aus eindeutig ideologischen Gründen umstrukturiert. Die Pandemie hat die Besetzung der Universität durch die Studenten und die begleitenden Solidaritätsdemonstrationen hinweggefegt, die meisten ehemaligen Dozenten (darunter auch ich) haben die Universität verlassen, und die Stellen wurden mit Fidesz-treuen Persönlichkeiten besetzt, meist ohne fachliche Rechtfertigung. Und bei den letzten Wahlen hat der Fidesz wieder mit zwei Dritteln gewonnen. Also, ich möchte im Moment kein Newcomer in Ungarn sein.