Wien kurz vor dem Brand des Justizpalastes und in einer Zeit folgenschwerer gesellschaftlicher Krisen mag für Ankommende ähnlich abweisend gewesen sein wie heute - das aktuelle "Expat City Ranking" hat die Stadt jedenfalls in der Kategorie "Eingewöhnung" zur unfreundlichsten der Welt gekürt.

Mitte der 1920er-Jahre war Wien auch für die aus der Sowjetunion ausgewiesene österreichisch-russische Familie Hoyer (im Roman: Wagner) nicht die einladende Metropole, sondern die dunkle, kalte Stadt der Ränder und Vororte, der kleinen Elende und großen Tragödien des Alltags, denen sich die russische Schriftstellerin Alja Rachmanowa in ihrem autobiografischen Roman "Milchfrau in Ottakring" (1933) über ihr eineinhalbjähriges Leben als Vorstadt-Greißlerin widmete.

Ausgehend vom titelgebenden Motiv lassen makemake produktionen in ihrer neuen Arbeit Wien so auch konsequent als weidwund geöffnetes hölzernes Milchfass erstehen, in dem sich nicht nur literweise Wasser und Milchiges ergießen, sondern auch die von Rachmanowa episodenhaft geschilderten Begegnungen und Schicksale. Anhand ausgewählter, der Chronologie des Romans stringent folgender Szenen entwickelt Regisseurin Sara Ostertag mit den für sie typischen inszenatorischen Mitteln - Live-Musik, Choreografie und viele bunte Flüssigkeiten - einen zeithistorischen Reigen von existenzieller Dichte und Aktualität, den das multidisziplinäre Ensemble als traurig brodelnde Revue schwermütig leichtfüßig auf die knarrende Drehbühne stemmt.