Das Hamlet-Zitat "Die Zeit ist aus den Fugen" stellen die Salzburger Festspiele 2023 als Motto über ihr Programm, das "eine Vermessung der Welt" unternehmen möchte, wie Intendant Markus Hinterhäuser am Freitag bei der Präsentation in Salzburg hervorhob. Burgtheater-Direktor Martin Kušej kehrt mit Mozarts "Figaro" ebenso nach Salzburg zurück wie Regisseur Christoph Marthaler. Die Bühnenfassung des Haneke-Films "Amour" zählt zu den Höhepunkten des Schauspielprogramms.

"Wir haben entspanntere Zeiten erlebt bei den Festspielen", meinte Hinterhäuser und sah auch die Festspiele immer wieder Angriffen ausgesetzt. "Wir haben es manchmal nicht leicht gehabt und manchmal nicht gut gehabt. Sei's drum." Auch in "Figaro" "findet eine Vermessung der Welt statt, für mich ist es aber vor allem einmal ein politisch sehr interessantes Stück", sagte er und nannte die Oper (ebenso wie Lessings "Nathan der Weise", der im Schauspiel auf dem Programm steht) "Aufklärungstheater par excellence". Von Kušej habe er vor allem zwei außerordentliche Mozart-Aufführungen in Salzburg in Erinnerung, "Don Giovanni" und "La clemenza di Tito", so der Intendant, der auch auf den 38-jährigen französischen Dirigent Raphaël Pichon hinwies, der dabei die Wiener Philharmoniker leitet. Dieser stehe (so wie auch der 37-jährige Maxime Pascal, der Bohuslav Martinůs "Die griechische Passion" dirigiert, die von Simon Stone inszeniert wird) für einen Generationswechsel unter den Dirigenten.

Zwei Mal Verdi, ein Mal Gluck

Von Verdi kommen zwei Opern in Neuproduktionen: Krzysztof Warlikowski inszeniert "Macbeth", für Hinterhäuser eine "Unheilsoper", "ein kosmologisches Vakuum", "eine Oper, die eine Blutspur hinterlässt" und "existenzielle Fragen von Schuld und Sühne und Grausamkeit" stellt. Superstar Asmik Grigorian wird als Rollendebüt die Lady Macbeth singen. "Falstaff" sei ein "Manifest der Respektlosigkeit" und Christoph Marthaler "der musikalischste Regisseur, den man sich denken kann", so Hinterhäuser. Marthaler inszeniert gemeinsam mit Anna Viebrock. Zu der Übernahme von Glucks "Orfeo ed Euridice" von den Pfingstfestspielen kommen noch drei konzertante Opern. Eine davon, "The Indian Queen" von Henry Purcell, wird von Teodor Currentzis und seinem neuen Ensemble Utopia bestritten. Currentzis und Utopia sind mit Mozarts c-Moll-Messe auch im Konzertprogramm vertreten.

Die scheidende Schauspielchefin Bettina Hering (die kürzlich bereits die neue "Jedermann"-Besetzung rund um Michael Maertens und Valerie Pachner bekannt gab) hat für ihre letzte Saison "zwei Kollegen erneut eingeladen": Ulrich Rasche inszeniert Lessings "Nathan der Weise" auf der Perner-Insel mit Judith Engel als Nathan, Karin Henkel richtet Michael Hanekes Oscar-gekrönten Film "Amour" (u.a. mit André Jung) in einer Koproduktion mit den Münchner Kammerspielen erstmals für die Bühne ein. Die Gruppe Rimini Protokoll und das Zürcher Theater HORA bezieht für ihre Umsetzung von Brechts "Der kaukasische Kreidekreis" Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen mit ein und gibt dem Stück dadurch einen besonderen Blickwinkel.

Es gibt auch Tanz

Der in Salzburg spielende Roman "Die Wut, die bleibt" der Halleinerin Mareike Fallwickl war eine der wichtigen Buch-Neuerscheinungen des zu Ende gehenden Jahres. Jorinde Dröse bringt die mit dem Selbstmord einer Mutter beginnende Geschichte um fehlende gemeinsame Verantwortung der Geschlechter in einer Koproduktion mit dem Schauspiel Hannover auf die Bühne des Landestheater. Und schließlich kündigte Hering mit "Into the Hairy" von Sharon Eyal und Gai Behar und ihrer L-E-V Dance Company "eine Tanzproduktion, die alle fesseln wird" an.

Unter den Plänen, die Konzertchef Florian Wiegand hervorhob, befand sich u.a. ein große Schwerpunkt zum Komponisten György Ligeti, der 2023 seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. Die Ouverture spirituelle trägt 2023 den Titel "Lux aeterna".

Pfingst-Hommage an Daniel Barenboim

Auch das Programm der Pfingstfestspiele wurde vorgestellt. Es findet von 26. bis 29. Mai unter dem auf Descartes anspielenden Motto "Les Passions de l'âme" (Die Leidenschaften der Seele) statt. Als szenische Neuproduktion wurde Glucks "Orfeo ed Euridice" "in der selten gespielten Parma-Fassung" von 1769 und in der Regie von Christof Loy angekündigt. Gianluca Capuano leitet das von Cecilia Bartoli gegründete Orchester Les Musiciens du Prince - Monaco sowie das Ensemble Il canto di Orfeo, Premiere ist am 26. Mai im Haus für Mozart, am 4. August erfolgt die Wiederaufnahme im Rahmen der Salzburger Festspiele.

Bei Cecilia Bartolis Planungen für 2023 sei ihr eigentlich ein Festival vorgeschwebt, in dem Daniel Barenboim zu Ehren seines kürzlich begangenen 80. Geburtstages aktiv als Dirigent und Musiker mitwirken sollte, hieß es. Dies sei aufgrund seines Gesundheitszustands nicht in der ursprünglich geplanten Form möglich gewesen, doch der letzten Tag der Pfingstfestspiele soll zu einer Hommage an Daniel Barenboim werden. (red/apa/whl)