Am Anfang ist das Licht. Mit einer Taschenlampe erkundet ein Kind den verwaisten Bühnenraum des Akademietheaters. Der folgende Auftritt gehört dem Bühnenbild selbst, knarzend und quietschend wird ein raumfüllender Paravent hereingeschoben. Mirjam Stängls Schauplatzarchitektur entsteht vor den Augen des Publikums: In abgestimmter Choreografie marschieren fünf Pflegerinnen mit akkurat sitzendem Kunsthaar einher, platzieren Topfpflanzen auf Rollen zwischen den Falzen des Paravents. Augenscheinlich entsteht hier Zug um Zug so etwas wie ein Altenheim. Schließlich werden die Bewohnerinnen und Bewohner der Residenz so lieb- wie achtlos neben die Pflanzen platziert. Tristes Grün, traurige Menschen.

Fünf Schauspielerinnen und Schauspieler sitzen in Unterwäsche auf Drehstühlen. Ein Bild des Jammers, in senfgelbes Licht getaucht. Weiter geht’s mit gnadenloser Routine in dieser hochstilisierten Verwahranstalt der letzten Lebensjahre: Zähneputzen, Haare kämmen, beim Anziehen ja nicht trödeln. Die Alltagsverrichtungen ereignen sich auf der Bühne in Stille, die Inszenierung lässt sich viel Zeit, bevor der erste Satz fällt: "Genug jetzt in die Leere geschaut." Martin Schwab flüstert den Satz geradezu. Ab jetzt gibt es kein Halten mehr: "Zwiegespräch", das neue Stück von Literaturnobelpreisträger Peter Handke wird am Akademietheater bis zum bitteren Ende (für die Alten!) gefüllt mit launigen Worten, ernsten Spielereien und alten Schlagern: "La Paloma, ade!"

Lebendige Worte

Das Stück "Zwiegespräch" verzichtet weitestgehend auf Handlung und Figuren, um dramatische Begegnungen und Konflikte schert es sich wenig, es verzichtet auf Behauptungen und Meinungen. "Zwiegespräch" hat mehr Ähnlichkeiten mit Handkes Prosa als mit dessen Dramen, in denen fast immer Position bezogen wird, sich zumindest Spurenelemente von Handlung finden - zuletzt "Zdeněk Adamec". "Zwiegespräch" erinnert eher an Handkes "Die schönen Tage von Aranjuez", ein Dialog, jedoch ist dieses Mal der Dichter selbst anwesend, als wäre es eine Selbstbegegnung.

Folgerichtig umkreist der neue Text das Phänomen des Erzählens selbst, relevanter als jeder Inhalt ist am Ende das Miteinander-(Reden), das wiederholt folgende Sujets umkreist: Die Beziehung zu den Großvätern, den Ahnen, den Teilnehmern im ersten und zweiten großen Krieg des vergangenen Jahrhunderts; dazu das Nachdenken über das Theater als ein Ort, an dem das Wort lebendig wird.

Regisseurin Rieke Süßkow bricht die Handke’schen Sprechakte auf, verteilt den Text einerseits auf die langjährigen Burgtheater-Granden Hans Dieter Knebel, Branko Samarovski und Martin Schwab, die Garde der betagten Heimbewohner. Andererseits kommen die Nachwuchskräfte Maresi Riegner und Elsa Plüss zum Zug, die als herrische Pflegerinnen auftreten.

Zwei Generationen stehen einander gegenüber, das Machtgefälle zwischen Heimbewohner und Pflegedienst ist klar definiert: Mögen die alten weißen Männer plappern, so viel sie wollen - zu sagen haben sie rein gar nichts (mehr).

Herzlose Routine

Das ist in Handkes Vorlage so zwar nicht angelegt, macht aber szenisch viel her - das Pingpong-Spiel der Satzfragmente bringt Rhythmus in den Textfluss, inhaltlich ist der auf der Bühne künstlich entfachte Generationenkonflikt überaus stimmig: Die Regisseurin legt eine starke visuelle und narrative Setzung neben, unter, über die Textvorlage, ohne diese zu beschädigen. Schärft an, spitzt zu. Am deutlichsten wird dies beim Sesselkreis-Spiel, das geradezu existenzielle Ausmaße annimmt. Die Senioren-Darsteller umtänzeln Stühle; wer beim letzten Takt der Musik keinen Platz ergattert hat, muss von der Bühne, was hier dem Tod der Bühnenfigur gleichkommt. Süßkow bringt in diesen szenischen Miniaturen die herzlose Routine im Umgang mit dem Sterben auf berückende Weise auf die Bühne: Zuerst gibt der Todgeweihte seine Wertgegenstände ab; während er unsanft von der Bildfläche bugsiert wird, taucht andernorts bereits die Urne auf. Ruckzuck wird diese im Schrank verwahrt. Das Porträt des Abgetretenen sowie die elektronische Grabkerze liegen griffbereit. Genug in die Leere geschaut! Wir haben ja keine Zeit zu verlieren!

Das Sesselkreisen wird so lange wiederholt, bis nur mehr Martin Schwab sich vor der Vertreibung aus der Altenhölle retten kann. Mit spitzen Ellbogen verteidigt er seinen Platz gegen Branko Samarovski. Das findet sich so nicht im Stück, wie vieles andere auch. Gut so. Rieke Süßkow gelingt am Akademietheater mit "Zwiegespräch" ein schaurig-schöner Totentanz.