29 Millionen Euro kostete angeblich das Polonium, jenes radioaktive Gift, mit dem der russische Dissident und ehemalige Geheimdienstmitarbeiter Alexander Litwinenko im November 2006 ermordet wurde. Kurz vor seinem Tod in einem Londoner Spital, ging ein Bild von ihm um die Welt: Er liegt wegen der Strahlenvergiftung kahlköpfig und ohne Augenbrauen im Bett. Ein Schmerzensmann.

Der britische Investigativ-Journalist und "Guardian"-Russland-Korrespondent, Luke Harding, rekonstruierte in seinem Buch 2016 erschienenen Buch "Ein sehr teures Gift", nicht nur wie der Mord an Litwinenko vermutlich zustande kam, die Täter wurden übrigens nie vor ein Gericht gestellt, sondern zieht auch Verbindungen zu weiteren Morden an Kreml-Kritikern und zeigt die unheilvolle Verkettung von Korruption und Gewalt in Putins Machtapparat.

Starker Tobak und eine Steilvorlage für die britische Dramatikerin und Drehbuchautorin Lucy Prebble, die bereits mehrfach gesellschaftspolitische Themen bühnentauglich verarbeitete - etwa den Finanzskandal in "ENRON". Ihr Stück mit dem Titel "Extrem teures Gift" rückt nun Litwinenkos Ehefrau in den Mittelpunkt. Von der Vorgeschichte über die Tat und die Ratlosigkeit der Ärzte bis hin zum vergeblichen Versuch, Gerechtigkeit zu erlangen, wird alles aus ihrer Perspektive in Rückblenden erzählt. Das Stück war bei der Uraufführung 2019 im Londoner Vic Theater ein veritabler Bühnenhit.

Nun hat Burgtheater-Direktor Martin Kušej in der Nebenspielstätte Kasino am Schwarzenbergplatz die deutschsprachige Erstaufführung inszeniert - routiniert und punktgenau setzt er das geschickt gebaute Stück um, sodass einem bei den wiederholten Begegnungen mit Putin oder den Attentätern nahezu das Grauen packt. Die Intrigen, die in "Extrem teures Gift" offenbart werden, haben etwas von Shakespeareschem Ausmaß. Auch das neunköpfige Ensemble überzeugt auf der bis auf einen langen Tisch leeren Bühne. Vor allem Sophie von Kessel kann in der Rolle der Ehefrau Marina Litwinenko richtig glänzen und Daniel Jesch bringt einem das Schicksal von Alexander Litwinenko nahe, Dietmar König überdehnt seine Putin-Parodie auch nicht allzu sehr.

Ein Theaterabend, der das Theater nicht unbedingt neu erfindet, aber probate Mittel gekonnt in Szene setzt - und einem die brutale Anatomie von Putins Netz vor Augen führt.