Hans Falladas Roman "Jeder stirbt für sich allein" ist eine gleichermaßen packende wie qualvolle Erzählung über Widerstand in der NS-Zeit. Es ist die literarisierte Geschichte des Ehepaares Hampel (im Roman Quangel), das zwischen 1940 und 1942 im Berliner Wedding unter Lebensgefahr Hitler-kritische Schriften verteilte. Beide wurden hingerichtet. Der Autor schreibt in seinem Vorwort: "Mancher Leser wird finden, dass in diesem Buche reichlich viel gequält und gestorben wird." In der Tat und nicht nur deswegen möchte man meinen, dass dieser Stoff vielleicht nicht die erste Wahl ausgerechnet für ein Musical ist.

Aber als musikalisches Schauspiel ist "Jeder stirbt für sich allein" nun im Theater in der Josefstadt zu sehen. Es stammt aus der Feder von Komponist Franz Wittenbrink, der in den Wiener Kammerspielen schon mit satirischen Revuen zu Jugendkult und Schönheitswahn erfreute. Und tatsächlich funktioniert die Kombination der düsteren Erzählung (im sonst eindrücklichen, grau-bedrohlichen Beton-Bühnenbild von Walter Vogelweider ist die Band irgendwie unkreativ versteckt) mit Musik erstaunlich gut.

Schlüssiger Soundtrack

Wittenbrinks Mischung aus Melodien, die sich aus zeithistorischen Einflüssen speisen - Weill-artiges Kunstlied, UFA-Filmschlager, "Babylon Berlin"-Rhythmen - und personenbeschreibenden Klängen, wie die zögerlichen Sprechgesänge des Ehepaares, das sich langsam der Idee annähert, aus dem gleichgeschalteten Strom hinauszutreten, bildet einen schlüssigen Soundtrack. Dazu passt, dass Widerstand gegen das Regime hier einmal als "leise, trotzige Musik" bezeichnet wird. Das Libretto von Susanne Lütje und Anne X. Weber ergänzt Fallada gut: Etwa wenn die Verlobten Trudel (Paula Nocker) und Franz (Tobias Reinthaller) von einem Kartoffel-Schäl-Alltag ohne Krieg träumen. Erleben werden sie ihn beide nicht: Er wird an der Front umkommen, sie wird bei einem Einsatz ihrer Widerstandszelle sterben. Oder wenn Denunziant Borkhausen (Paul Matic) sich schönsingt, dass er seinen Ganovenkumpel Enno (Claudius von Stolzmann) in den sicheren Tod geschickt hat: "Wer überlebt, hat recht" - eine Rechtfertigung für das bequeme Unrecht, die es einem kalt über den Rücken laufen lässt.

Geht die Welt bergabrika

Franz’ "Heldentod" ist der letzte Schubser, den das Ehepaar Quangel braucht, um ihre Postkarten auszulegen. Michael Dangl spielt den wortkargen Otto sehr zurückgenommen, Susa Meyers Anna Quangel hat einen aktiveren Part als im Roman. Literaturpuristen können an diesem Abend ohnehin eine recht lange Stricherlliste an Abweichungen anfertigen. Die Handlung wurde stark verdichtet, einiges entfernt, einiges verändert. Ausgebaut wurde die Bar "Paprika", die einen Knotenpunkt für Gelegenheitsgangster, von Goebbels Gnade abgefallene Schauspieler (Martin Niedermair) und tödlich launische, kellnervernaschende Obergruppenführer (Robert Joseph Bartl) bildet. Geführt wird das Etablissement von Frau Andrássy (Nadine Zeintl), die mit flotten Klängen ("Geht die Welt bergabrika, tanzen wir im Paprika") ein schillerndes Zeugnis des Eskapismus ablegt.

Wittenbrink und Regisseur Josef E. Köpplinger gelingt es, die Essenz von Falladas ausuferndem Roman, der mit seinen vielen Personen auch für eine ganze Netflix-Serie ausreichen würde, in zweidreiviertel Stunden zu vermitteln - ohne die Längen, die solche Dramatisierungen zu oft mit sich bringen. Und am Ende sind auch alle tot, die im Roman sterben. Und das sind viele. Etwa auch der Kommissar, der den Fall der Quangels bearbeitet und der langsam begreift, dass sein Wahrheitsbegriff mit dem der Nazis wenig zu tun hat. Raphael van Bargen gibt ihn, zumal in der Szene, die die Ausweglosigkeit für Verhaftete besonders drastisch erklärt, mit einer kühlen Verzweiflung.

Er ist es auch, der Quangel mitteilt, dass fast alle seine Postkarten bei der Polizei abgegeben wurden und mitnichten zu einem Lauffeuer des Nachdenkens geführt haben. Ein bitteres Ende unter Fallbeilsausen.