Gerade noch Premiere mit seinem jüngsten Stück "Somatic Tratata" in Darmstadt beim Tanzfestival Rhein-Main, vorige Woche mit "Being Moved" auf Tour in Tel Aviv, ab 15. Dezember mit "Bones & Wires" im Brut: Simon Mayer zählt zu den wenigen international gefragten österreichischen Performance-Künstlern. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" denkt der 38-Jährige laut über das Wesen seiner Stücke nach und darüber, dass seine älteren Stücke immer wieder angefragt werden.

"Wiener Zeitung": Geplant war die Uraufführung von "Bones & Wires" bereits im November 2021 im Brut . . .

Simon Mayer: . . . Ja, im Prinzip war die Uraufführung dann der nächste Tour-Stop in Norwegen im Rosenthal-Theater. In "Bones & Wires" geht es um Knochen und Kabel (lacht). Man könnte es reduzieren auf Mensch und Maschine. Das Stück ist eine Fortsetzung der Recherche von "Oh Magic", das auch mit Menschen und Robotern auf der Bühne arbeitete. Es ist eine Vision, wie Mensch und Maschine in Zukunft miteinander agieren könnten. In "Bones & Wires" bin ich umgeben von verschiedenen Geräten, denen eine Seele eingehaucht wird.

Das ist ja zugleich der Untertitel.

Es geht um das langsame Entdecken und immer wieder Entdecken der "Seele der Dinge". Also: nicht aufzuhören immer wieder hinzuschauen, immer wieder neue Perspektiven einzunehmen, den Versuch zu starten, die Lebendigkeit in den Dingen zu sehen. Das ist eine Art von kindlicher Neugier, ganz ohne Verbildung. Man kann ihn vielen Büchern lesen, oder oftmals hören, dass man etwa die Natur schützen soll. In dem Moment, in dem ich aber eine Beziehung zu einem Baum herstelle, fühlt man es auch. Dann ist Holz nicht einfach mehr totes Material.

Gibt es eine Inspirationsquelle?

Eine davon ist Charlie Chaplins "Modern Times". Der damals schon erkannt hat, wohin es führen kann, wenn wir in der Fabrik stehen und drauflosschrauben und nicht mehr aus diesen Bewegungen rauskommen, weil sie sich im Körper festgesetzt haben. Auch beschäftigt mich der Raum zwischen Menschen, das dritte Wesen in einem Dialog, die Ko-Kreation, die wir formen, wenn wir miteinander sprechen. So kann es auch menschliches Wireless geben.

Haben Sie das Stück seit seiner Uraufführung überarbeitet?

Grundsätzlich arbeitet das Stück in mir weiter (lacht). Ich behandle meine Stücke wie Wesen, die sich dann immer wieder einmal melden und dann rede ich mit ihnen (lacht). Es werden sich schon ein paar Dinge ändern.

Apropos Veränderung: Haben sich ein paar Dinge für Sie als Künstler seit Vor-Corona geändert?

Das Touring läuft wieder, bringt aber immer wieder Fragen nach den Bestimmungen in den jeweiligen Ländern mit sich. Es ist leichter geworden. Und die Krankheit selbst und die Ausfälle sind immer noch Thema: Erst kürzlich in Potsdam sind zwei der wichtigen Techniker ausgefallen. Funktionieren müssen, aber nicht mehr funktionieren können, das ist auch Thema des Stücks.

Merken Sie einen Rückgang der Besucherzahlen?

Man merkt eine Zurückhaltung. Man ist nun gewohnt, vieles zu Hause zu sehen, und geht weniger ins Theater. Hier muss ein Umdenken stattfinden, man muss sich fragen: Was ist heute noch Theater? Und was ist eine zeitgemäße Form, um Kunst in die Gesellschaft zu bringen? Man kann sich nicht mehr erwarten, dass die Menschen zu einem kommen, man muss auch zu ihnen gehen. Ansonsten kann ich mich echt nicht beschweren, denn auch meine alten Stücke werden im nächsten Jahr wieder gespielt.

Das ist eher selten für Performances. Woran liegt das?

Mir ist vor allem bei "SunBengSitting" und "Sons of Sissy" aufgefallen - ah, da bekomme ich gleich Gänsehaut -, sobald es in einem Land einen Rechtsruck gibt oder rechter Populismus an Stärke gewinnt, werden die beiden Performances gebucht. Wir gehen viel mehr in den Osten mit diesen Stücken. Das berührt mich, wenn ein Kurator aufgrund der politischen Situation mein Stück bucht. Und dann weiß ich auch, warum ich Kunst mache.