Man kann dem Publikum von morgen nicht früh genug beibringen, dass der Autor von Bühnenwerken ein Versager ist, dessen unzulängliche Produkte von einem genialen Regisseur gerettet werden müssen. So ungefähr dürfte Theater-an-der-Wien-Chef Stefan Herheim gedacht haben, als er daranging, Gian Carlo Menottis "Amahl und die nächtlichen Besucher", die schönste aller je geschriebenen Weihnachtsopern, umdeutend zu ruinieren.

Dass sich Menotti, wie stets sein eigener Textautor, gegen diese Aufführung behauptet, spricht für den Italoamerikaner. Immerhin sind Menottis Libretti von einem derartigen Instinkt für Dramatik getragen, dass Alfred Hitchcock ihn (vergebens) um ein Drehbuch bat. Seine Opern, Thriller wie "The Medium" oder die kafkaeske Flüchtlingstragödie "The Consul", liefen am Broadway manch einem Musical den Erfolgsrang ab.

Kritiker im deutschsprachigen Raum, gefangen in Theodor W. Adornos Diktum, nach 1945 dürfe es keine neu komponierte tonale Musik mehr geben, rümpften denn auch die Nase: "Knüller" mit "gesungener  Filmmusik" war das Totschlag-Diktum gegen Menotti. Das Publikum blieb unbeeinflusst. Menotti war, neben Benjamin Britten, der einzige Nachkriegs-Erfolgskomponist auf breiter Basis, ehe sein Ruhm Ende der 1970er Jahre - zu Unrecht - zu verblassen begann.

Menotti war stets am Puls der Zeit, und das mit seinen Stoffen wie mit der Nutzung neuer Medien. So komponierte er Opern nicht nur für die Bühne, sondern auch für den Hörfunk ("Die alte Jungfer und der Dieb") und das Fernsehen ("Das Labyrinth"). Auch "Amahl und die nächtlichen Besucher" ist ursprünglich eine Fernseh-Oper, uraufgeführt am 24. Dezember 1951 in den New Yorker NBC-Studios und live gesendet. Seither ist "Amahl" ein Weihnachtsdauerbrenner und wird, nicht nur in den USA, von professionellen und semi-professionellen Gruppen aufgeführt: eine Erfolgsgeschichte, wie sie die Oper nach 1945 kaum ein zweites Mal hat.

Am Werk vorbei

Und das ist der "Amahl", wie Menotti ihn schrieb: Der Zufall führt die heiligen drei Könige in das Haus einer verarmten Witwe und ihres Sohnes Amahl, der wegen eines lahmen Beins an einer Krücke geht. Hirten bringen den Königen ein Nachtmahl. Nachdem einer der Könige geschildert hat, wie Jesus als besitzloser König der Armen die Welt retten wird, will ihm Amahl, da er sonst nichts besitzt, seine Krücke schenken. Das Wunder geschieht, Amahl ist geheilt. Er geht mit den Königen, um selbst dem Jesuskind seine Gabe zu bringen.

Der "Amahl", wie Herheim ihn, handwerklich fraglos perfekt, inszeniert: Amahl ist tödlich an Krebs erkrankt. Er stellt sich die Ärzte als drei Könige vor. Die Hirten sind die Eltern der an Krebs verstorbenen Kinder, die als Engel mit Flügeln auftreten. Am Schluss stirbt Amahl und geht davon, nun auch er ein Engel. Die Mutter strahlt, offenbar froh, dass das Leiden ihres Buben beendet ist. Krebstod für den Heiligen Abend - das ist das Fingerspitzengefühl des Regietheaters.

Menottis Werk richtet sich in der eigenartig liebevollen und liebenswerten Naivität, die man so oft im Volksglauben gerade der Italiener findet, ganz auf das Wunder aus - Herheim indessen ganz auf dessen Leugnung.

Naturgemäß geht sich die Übermalung hinten und vorne nicht aus. Um Menottis glänzende Idee zu unterlaufen, das Wunder in der realistischen Handlung als realistischen Vorgang darzustellen, muss Herheim einen Wust an Visionen und Wahnvorstellungen auspacken. Nie weiß man genau, ob die Mutter träumt oder Amahl im Medikamenten-Dusel liegt. Es mag schon sein, dass im Programmheft Erklärungen für diesen szenischen Unfug stehen, doch eine Regie, die sich nicht auf der Bühne erklärt, ist Mumpitz. Der zynischste Moment tritt ein, wenn Menotti für den genesenen Amahl ein Freudentänzchen mit Pauke und Trompete komponiert - während bei Herheim das Kind tot im Bett liegt.

Apropos Musik: In einen der madrigalesken Chöre werden ein paar Takte "Stille Nacht" hineingeschnitten - völlig sinnlos und überflüssig, da Menotti seine weihnachtlich anmutenden Melodien selbst komponiert hat. Und wie wunderbar die sind: Strophenlieder mit Refrains, behutsam variiert, voller Süße, Mussorgski und Schubert schimmern durch, dann wieder assoziiert man Puccini, ohne dass die Musik wirklich an Puccini erinnert. Ein bizarrer Marsch ist verwandt mit dem aus Sergei Prokofjews "Liebe zu den drei Orangen" - und ebenso witzig. Es ist eine Musik, die der missgünstige Avantgardeapostel kitschig nennen mag, während andere Zuhörer sie mit einer Liebe zum Leben verbinden und sich an einer vielleicht altmodischen, dennoch überzeugend frisch klingenden Schönheit erfreuen.

Überzeugend besetzt

Deshalb erschließt sich nicht wirklich, weshalb der Dirigent Magnus Loddgard dem Werk mit immer wieder larmoyanten Tempi begegnet - die freilich zur Inszenierung passen, kaum jedoch zu den Intentionen des Komponisten. Die Wiener Symphoniker freilich spielen das mit aller luxuriöser Klangschönheit, derer sie fähig sind.

Die Besetzung hingegen überzeugt ausnahmslos: Der Wiener Sängerknabe in der Rolle des Amahl hätte sich, entgegen der Tradition, eine namentliche Nennung verdient (wie 1980 in der Wiener Staatsoper, als das Werk in Menottis eigener Inszenierung maßstabsetzend aufgeführt wurde). Dshamilja Kaiser überzeugt als gramzerfressene Mutter und singt ihre Arie "All das Gold" mit glühender Intensität, wie auch Nikolay Borchev als Melchior in der Erzählung über Jesus zutiefst berührt. Paul Schweinester als Kaspar kann die heitere Arie über seine Mitbringsel regiebedingt nicht ausspielen, singt sie jedoch effektvoll. Wilhelm Schwinghammer assistiert als Balthasar. Der Arnold Schoenberg Chor (geleitet von Erwin Ortner) sorgt mit dem Namenschor für einen der Höhepunkte des Abends. Der bleibt, wie so vieles von dieser Oper, unmittelbar im Ohr. Augen zu - der Rest ist eine Freude!