Im kommenden Jahr wird Otto Schenks "Rosenkavalier"-Inszenierung an der Wiener Staatsoper halb so alt sein wie die dort 1911 erstmals aufgeführte Oper selbst. Das ist vermutlich keine Kategorie im "Guinness Buch der Rekorde", aber 55 Jahre Laufzeit bedeuten nicht nur Philipp-Jordan-Wohlfühfaktor, sondern dass auch einiges an der Aufführung stimmt. Zudem: Der beste Staubwedel ist eine gute, dramatisch intuitive Besetzung. Und die, nebst der Musik, war am Sonntagabend die Attraktion.

Ganz voran Marschallin Krassimira Stoyanova (verführerisch wie eine perfekt gereifte Birne) und Ochs Günther Groissböck, die beide zusammen diese Rollen erstmals in Harry Kupfers "Rosenkavalier" bei den Salzburger Festspielen 2014 spielten, wo Groissböck ein neues Ochs-Zeitalter einläutete. Ochs ist nicht mehr der bauchige alte, schenkelklopferisch-ungeschliffene Onkel, sondern ein gefährlicher, in seiner raubtierhaften Lüsternheit glaubhafter Bad Boy. Das Kostüm- und Perückenspektakel vor den olivgrün-schlammbraunen Bühnenbildern Rudolf Heinrichs nimmt dieser Darstellung kaum ihre Schärfe.

Vera-Lotte Boecker (links) und Kate Lindsey als Traumpaar. - © Staatsoper / Michael Pöhn
Vera-Lotte Boecker (links) und Kate Lindsey als Traumpaar. - © Staatsoper / Michael Pöhn

Die Erfahrung und Sinnlichkeit der beiden wurde wunderbar ergänzt von Kate Lindseys Octavian und Vera-Lotte Boeckers Sophie, die beide bejubelte Staatsopern-Rollendebüts gaben. Erstere mit einer Stimme, frisch, konzentriert, gerade im ersten Akt etwas aufgesetzt, tief im Kopf klingend, wie man sich das von einem jungen Bengel vorstellt. Letztere kräftig, hell, natürlich und offen, jedes Wort verständlich und mit komödiantischer Referenz in Richtung Buster Keaton. Es ist eine dankbare Rolle, aber so herrlich muss man sie erst einmal ausfüllen.

Das Orchester unter Philippe Jordan spielte den Strauss in gehobenem Routinemodus recht straff herunter, ohne, löblicherweise, dem Affen Zucker zu geben.